Zahlen statt Worte – Ein Kommentar zur Startup- und Scaleup-Strategie der Bundesregierung Von Dr. Nicholas Ziegert

15. September 2026


Zusammenfassung: Die Bundesregierung hat im Juli 2026 eine neue Startup- und Scaleup-Strategie mit 152 Einzelmaßnahmen in acht Handlungsfeldern vorgelegt. Das Papier ist ambitioniert, thematisch breit und in vielen Punkten richtig. Doch die eigentliche Bewährungsprobe liegt nicht in der Strategie selbst, sondern in ihrer Umsetzung. Deutschland hat über Jahrzehnte eine strukturelle Lücke bei der Wagniskapitalfinanzierung aufgebaut, die mit kleinen Schritten nicht geschlossen werden kann. Was jetzt gebraucht wird, sind Zahlen statt Worte – und zwar in einer Größenordnung, die dem Anspruch einer führenden europäischen Innovationsnation gerecht wird.

Die Diagnose ist seit Langem bekannt

Wer die 58 Seiten des Strategiepapiers liest, findet eine präzise Bestandsaufnahme. 3.053 Startup-Neugründungen allein im ersten Halbjahr 2026, 522.000 Beschäftigte in der Szene, 36 deutsche Unicorns, 7,2 Milliarden Euro Wagniskapital im Jahr 2025 – die Zahlen belegen eine beachtliche Dynamik. Und dennoch liegt Deutschland mit rund 90 Euro Wagniskapitalinvestitionen pro Kopf weiterhin weit hinter den USA und Großbritannien zurück. 92 Prozent der Startup-Exits erfolgen über Unternehmensverkäufe, Börsengänge bleiben die seltene Ausnahme. Die großen Finanzierungsrunden werden nach wie vor überwiegend von US-amerikanischen Venture-Capital-Gebern angeführt – mit der Folge, dass ein erheblicher Teil der Wertschöpfung aus dem deutschen und europäischen Ökosystem abfließt.

Diese Diagnose ist nicht neu. Sie wird seit mindestens zwanzig Jahren in Strategiepapieren, Koalitionsverträgen und Branchenberichten wiederholt. Bereits 2022 legte die damalige Bundesregierung eine umfassende Startup-Strategie vor. Die vorliegende Fortschreibung setzt richtige Akzente – insbesondere bei der stärkeren Fokussierung auf die Skalierungsphase und der erstmaligen systematischen Einbeziehung des Sicherheits- und Verteidigungssektors. Doch die zentrale Frage bleibt: Wird diesmal die Umsetzung mit der nötigen Geschwindigkeit und in der erforderlichen Größenordnung erfolgen?

Klotzen statt Kleckern

Die Strategie enthält vielversprechende Instrumente: die Verstetigung des Zukunftsfonds über 2030 hinaus, das Scale-up-Direct-Programm der KfW Capital, die FOAK-Investitionen mit bis zu 300 Millionen Euro, die WIN-Initiative mit dem Ziel, private Investorenzusagen auf 25 Milliarden Euro zu verdoppeln, die Öffnung der Altersvorsorge für Wagniskapital. Das sind die richtigen Ansätze. Aber angesichts der Dimension des Problems – und der Geschwindigkeit, mit der sich die globalen Technologiemärkte verschieben – muss die Devise lauten: Klotzen statt Kleckern.

Deutschland ist häufig spät dran, wenn es um die Umsetzung größerer Konzepte geht. Die Energiewende, die Digitalisierung der Verwaltung, der Breitbandausbau – überall zeigt sich dasselbe Muster: ambitionierte Strategie, schleppende Exekution. Gleichzeitig hat das Land immer wieder bewiesen, dass es erhebliche Kräfte mobilisieren kann, wenn der politische Wille und der ökonomische Druck groß genug sind. Das Sondervermögen für die Bundeswehr war ein solcher Moment. Die Frage ist, ob die Politik bereit ist, Startup- und Innovationspolitik mit vergleichbarer Entschlossenheit zu behandeln.

In der Krise investieren – nicht sparen

John Maynard Keynes formulierte 1937 einen Satz, der in der aktuellen Lage besondere Relevanz besitzt: „The boom, not the slump, is the right time for austerity at the Treasury.“ Im Umkehrschluss bedeutet das: In Zeiten wirtschaftlicher Schwäche ist es gerade die Aufgabe des Staates, antizyklisch zu investieren – nicht, um den Markt zu ersetzen, sondern um die Bedingungen für privatwirtschaftliches Wachstum zu schaffen.

Die deutsche Wirtschaft befindet sich für alle sichtbar in einem tiefgreifenden Strukturumbruch. Traditionelle Industriezweige stehen unter Druck, die geopolitischen Rahmenbedingungen haben sich fundamental verändert, und die technologische Transformation – insbesondere durch Künstliche Intelligenz – beschleunigt sich exponentiell. In einer solchen Phase ist das Säen möglichst vieler Optionen nicht Luxus, sondern Notwendigkeit. Jede investierte Million in ein tragfähiges Startup-Ökosystem ist eine Wette auf die Wertschöpfung von morgen.

Was das für Hamburg und die FinTech-Branche bedeutet

Der Hamburg Startup Monitor 2026 zeigt, dass die Hansestadt mit 1.540 aktiven Startups zwar das drittgrößte städtische Startup-Ökosystem Deutschlands bleibt, aber beim Zugang zu Wachstumskapital weiterhin deutlich hinter Berlin und München zurückliegt. Seit 2015 flossen rund 3 Milliarden Euro an Venture Capital nach Hamburg – gegenüber 38 Milliarden Euro nach Berlin. Diese Diskrepanz verdeutlicht, dass die Maßnahmen der Bundesstrategie für Hamburg nur dann Wirkung entfalten, wenn sie durch eine entschlossene Landespolitik flankiert werden.

Für die FinTech-Branche enthält die Strategie einige relevante Signale. Die Öffnung der Altersvorsorge für Wagniskapital, die geplante Europäische Spar- und Investitionsunion, die steuerlichen Erleichterungen für VC-Akteure und die verbesserte Verlustverrechnung bei Beteiligungserwerben schaffen Rahmenbedingungen, von denen kapitalmarktnahe Geschäftsmodelle unmittelbar profitieren können. Auch das 28. Regime – ein einheitlicher europäischer Rechtsrahmen für junge, innovative Unternehmen – wäre ein großer Schritt, um grenzüberschreitende Skalierung gerade im regulierten Finanzsektor erheblich zu erleichtern.

Hamburg hat als traditioneller Banken- und Versicherungsstandort mit starker Handels- und Logistikkompetenz eine natürliche Basis für FinTech-Innovation. Die Maßnahmen der Bundesstrategie – von der Stärkung des Data Act über den Agentic AI Hub bis zur Innovationspartnerschaft im Vergaberecht – bieten Ansatzpunkte, die gerade für Hamburger FinTech- und WealthTech-Unternehmen relevant sind. Entscheidend wird sein, ob Hamburg diese Chancen aktiv aufgreift und sich als Scaleup-Standort positioniert, statt nur Gründungsstadt zu bleiben.

Fazit: Richtig und wichtig – jetzt umsetzen

Die Startup- und Scaleup-Strategie der Bundesregierung ist inhaltlich solide und setzt an vielen der richtigen Hebel an. Die Szene steht bereit, sich auch im Lichte der schwierigen gesamtwirtschaftlichen Lage zu engagieren. Was jetzt zählt, ist nicht ein weiteres Strategiepapier, sondern messbare Fortschritte: Mittel, die fließen, Gesetze, die in Kraft treten, Verfahren, die sich tatsächlich beschleunigen.

Deutschland hat die Talente, die Forschungsinfrastruktur und zunehmend auch das unternehmerische Selbstverständnis. Was fehlt, ist die Konsequenz in der Umsetzung. Das zu ändern, liegt jetzt an der Politik – und an uns allen, die wir die Umsetzung einfordern und begleiten.


Dr. Nicholas Ziegert ist Rechtsanwalt und Geschäftsführer der OWNLY FinTech GmbH in Hamburg. Er berät Startups und Wachstumsunternehmen im Bank- und Kapitalmarktrecht, Venture Capital und Aufsichtsrecht.

Ihr Download ist bereit.

Ihr Download ist bereit.