Rezension von Kai-Uwe Stecks „Der Cum-Ex-Kronzeuge – Die wahre Geschichte des größten Finanzskandals aller Zeiten“ – oder, wie der Kronzeuge durch Märchen Unheil über Betroffene bringt und den Glauben an den Rechtsstaat erschüttert

Dr. Nicholas Ziegert

12. Februar 2026

„Wieder alle outgesmartet, feierte ich mich selbst und visualisierte schon die Wiedergeburt von Rocketman als Phönix aus der Asche.“ Mit diesem Satz beschreibt Rechtsanwalt Dr. Kai-Uwe Steck sich im Abschnitt über seine erste staatsanwaltliche Vernehmung in seinem Buch „Der Cum-Ex-Kronzeuge – Die wahre Geschichte des größten Finanzskandals aller Zeiten“.

Steck erzählt seine Geschichte als klassische Aufstiegsbiografie. Die Kindheit in „Friesland“ (Jever), das nach materiellem Erfolg strebende Elternhaus, der Ehrgeiz und Fleiß im Studium, das er nach harter Lernarbeit mit exzellenten Noten abschließt, öffnen ihm die Türen zu einem renommierten Doktorvater und zu internationalen Großkanzleien. Die hohen Gehälter (“Geld war Gott”), die er in relativ jungen Jahren erhält, werden zur weiteren Triebfeder. Er vernachlässigt soziale Bindungen, wie die zu seiner Freundin und Familie. Und gleichzeitig formt er sein Selbstbild des „Rocketman“, eines herausragenden und umsatzstarken internationalen Anwalts mit entsprechendem Lebensstil.

Der eigentliche Wendepunkt seiner Karriere ist seine Zusammenarbeit mit Dr. Hanno Berger, einem der zentralen Architekten komplexer Steuergestaltungen. Berger erkennt den Nutzen des jüngeren Juristen, der mit fundierten Kenntnissen im Investmentrecht und besseren Englischkenntnissen als die seines „väterlichen Mentors“ aufwartet. Gemeinsam entwickeln und verkaufen sie Cum/Ex-Steuermodelle an Milliardäre, Banken und Investmentfonds. Weder Berger noch Steck haben diese Cum/Ex-Transaktionen erfunden. Jedoch haben beide maßgeblich dazu beigetragen, sie in industrieller Weise in den Finanzmarkt gebracht zu haben. Sie vernetzen Investoren, Aktienhändler, Banker, Fondsinitiatoren und Anwälte zu einem funktionierenden System, in dem illegale – mehrmalige – Steuererstattungen planmäßig organisiert werden. Sie verkaufen ein Steuermodell samt rechtlicher Gutachten, Lobbyarbeit und immer wieder mit rechtlicher Beruhigung ihrer Mandanten. Die daraus resultierenden Millionen fließen an sie als Kick-backs, zunächst als sie noch in Diensten der Großkanzlei Dewey & LeBoeuf waren und später direkt in die eigene Sozietät. Weder gesetzliche Änderungen noch Erpressungsversuche vermögen ihr Geschäftsmodell zu stoppen. Großkunden, die Zweifeln, erhalten Gutachten oder beruhigende Bestätigungen, dass alles mit rechten Dingen vorgeht.

Das Ende kommt mit der Hausdurchsuchung bei „Berger Steck & Kollegen“. Berger setzt sich in die Schweiz ab, Steck bleibt zurück. Nach einer Phase des Zögerns trennt er sich von seinem Mentor und bietet sich der Staatsanwaltschaft Köln als Kronzeuge an. Dies sollte sich als der wesentliche Schritt erweisen, einem Gefängnisaufenthalt zu entgehen.

Wäre dies lediglich die schillernde Geschichte eines Juristen, der im Rausch der Hochfinanz die Grenze zur Kriminalität überschreitet, ließe sich das Buch als klischeehafte Milieuschilderung abtun. Doch Steck erhebt den Anspruch, die „wahre Geschichte“ zu erzählen. Namen werden zwar verfremdet, angeblich aus juristischer Vorsicht. Wie wenig sorgfältig dies geschieht, zeigt ein entlarvender Moment: Der ermittelnde Kriminalhauptkommissar, den Steck mit dem Decknamen „Maissner“ versieht, wird in einem wörtlichen Zitat plötzlich korrekt als „Müller“ bezeichnet und damit identifizierbar gemacht (S. 236).

Wer Stecks Darstellung mit Ermittlungsakten, Gerichtsurteilen und den Recherchen des Handelsblatts vergleicht, stößt rasch auf weitere Ungereimtheiten. Das Bild, das sich ergibt, ist das eines hochbegabten Erzählers, der Fakten und Fiktion virtuos miteinander verwebt und über Jahre hinweg Justiz, Medien und Öffentlichkeit beeinflusst hat. Er war mit dieser Geschichte so erfolgreich, dass sowohl Gerichte, Medien und Theatermacher auf ihn reinfielen, wenn sie sich auf seine Darstellungen beriefen.

In Buch und Interviews präsentiert sich Steck als geläuterter Täter und zugleich als Aufklärer eines vermeintlichen Staatsversagens. Seine neue These lautet, der Staat selbst habe Cum/Ex als „versteckte Subvention“ genutzt, um während der Finanzkrise europäische Beihilferegeln zu umgehen. Landesbanken wie die WestLB werden beschrieben als Institute, die im internationalen Kapitalmarktgeschäft belächelt wurden und die mit Cum/Ex ihre maue Bilanz zu retten versuchten. Die Politik, die Repräsentanten in Aufsichtsräten der Landesbanken platziert hat, schweigt hierzu und nimmt die Gewinne aus Cum/Ex gerne an und habe die Augen zugedrückt bei der Frage, ob der Staat sich hier nicht selbst beklaut.

Damit verändert Steck seine Geschichte vom verurteilten Steuerbetrüger zum Ankläger und Aufklärer der politischen Verhältnisse.

Diese Deutung steht jedoch im Widerspruch zu Stecks tatsächlicher Rolle im Strafverfahren. Über mehr als ein Jahrzehnt war er der zentrale Belastungszeuge der Staatsanwaltschaft Köln unter Oberstaatsanwältin a.D. Anne Brorhilker. Auf seine Aussagen stützten sich Verurteilungen. Der Bundesgerichtshof bestätigte 2021 in einem Grundsatzurteil (BGH 1 StR 519/20), das Landgericht habe sich „rechtsfehlerfrei“ auf Stecks Angaben verlassen, wonach bei einem Treffen „alle Fakten auf dem Tisch gelegen“ hätten.

Gerade solche angeblichen Schlüsseltreffen erweisen sich jedoch als unwahr. Dokumentationen über die Termine von Steck (siehe Dokumentation auf www.christianolearius.de) zeigen, dass die damit gemeinten Treffen 2006/ 2007 zwischen Dr. Steck, Dr. Hanno Berger, Dr. Christian Olearius und einem Generalbevollmächtigten der Warburg Bank nicht stattgefunden haben.

Kalenderaufzeichnungen und Reiseunterlagen belegen, dass sich Steck zu den relevanten Zeitpunkten nicht in Hamburg aufhielt.

Auch das Bild des reuigen Täters gerät ins Wanken. Gegenüber dem ehemaligen Vorsitzenden Richter Roland Zickler erklärte Steck, er habe 50 Millionen Euro Tatbeute einem Treuhänder überlassen, um Schadensersatz zu leisten. Sein damaliger Verteidiger Prof. Dr. Alfred Dierlamm stellte später klar, dass dieses Treuhandkonto ein „Fake“ gewesen sei, gefüllt mit wertlosen oder gar nicht in Stecks Besitz befindlichen Aktien. Tatsächlich wurden bislang lediglich rund 11 Millionen Euro zurückgezahlt; von der angeordneten Einziehung in Höhe von 23,6 Millionen Euro fehlt der Großteil.

Besonders problematisch sind die Umstände der Ermittlungen selbst. Steck fertigte Vernehmungsprotokolle teilweise vorab am heimischen Computer an, inklusive der Fragen, die ihm gestellt werden sollten. Diese Entwürfe wurden von den Ermittlern nahezu wortgleich übernommen. Ein Protokoll für eine angebliche Vernehmung vom 6. April 2017 zirkulierte bereits Ende März und war mit Anmerkungen der Verfolgungsbehörden versehen. Die Grenze zwischen Zeugenrolle und Ermittlungsarbeit verschwamm. Er selbst hebt seine in Heimarbeit erstellten Protokolle seitdem gern in Interviews hervor. Er benutzte die Staatsanwaltschaft und diese nutzte ihn. Oberstaatsanwältin a.D. Anne Brorhilker bestätigte dieses Vorgehen in ihrer Zeugenaussage am 10. Januar 2025 im Prozess gegen Kai-Uwe Steck und rechtfertigte es mit den Worten: „Wenn er diese Frage antizipiert hat und die da hineingeschrieben hat, und wir haben die gestellt, sehe ich da, ehrlich gesagt, auch kein Problem.“

Der Handelsblatt-Podcast „Handelsblatt Crime“ vom 11. Januar 2026 legt die Widersprüche offen. Die Journalisten Iversen und Votsmeier zitieren Stecks früheren Verteidiger Dierlamm mit den Worten: „Alles, was der Steck sagt, ist glatt gelogen.“ Eine Zusage für Straffreiheit des Kronzeugen habe es nie gegeben. Die Verteidigungsstrategie zielte darauf ab, Steck möglichst lange als Beschuldigter zu halten, „um nicht als Einziehungsverpflichteter neben Berger zu sitzen“ (Minute 53). Dierlamms psychologische Einschätzung ist bemerkenswert: „Und mein Eindruck war, er hat es irgendwie genossen. Es ist eine unglaubliche Macht, die sie haben als Kronzeuge. Es ist eine unglaubliche Macht, wenn sie eine Aussage machen, und jemand ins Gefängnis geht (…).“

Die enge Zusammenarbeit zwischen der Staatsanwaltschaft Köln und Steck, insbesondere mit Anne Brorhilker, veränderte den Charakter der Ermittlungen. Brorhilker erklärte 2021 im Hamburger Untersuchungsausschuss: „Wenn man sogenannte Kronzeugen hat, die gestehen, müsse man sich überhaupt nicht mehr einen abbrechen mit Indizien.“ Entsprechend wurden zentrale Ermittlungsansätze, etwa die vollständige Rekonstruktion internationaler Aktienlieferketten, vernachlässigt. Steck selbst beschrieb dieses Verhältnis mit den Worten: „Wir waren ein Team. Ich war quasi Hilfsbeamter der Staatsanwaltschaft“ (Steck, „Der Cum/Ex Kronzeuge“).

Im Juni 2025 verurteilte das Bonner Landgericht Steck trotz einer Tatbeute von rund 50 Millionen Euro und eines verursachten Schadens von etwa einer halben Milliarde Euro lediglich zu einer Bewährungsstrafe. Angestellte Bankmitarbeiter wurden – ohne, dass sie vorsätzlich handelten und/oder Millionen mit Cum/Ex verdienten – z.T. zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Die Kronzeugentätigkeit Stecks wurde strafmildernd gewürdigt, nachgewiesene falsche Behauptungen spielten kaum eine Rolle. Die Begründung war pragmatisch: Eine Haftstrafe hätte künftige Kronzeugen abgeschreckt. Stecks Rechnung ging auf.

Nach Abschluss des Verfahrens relativierten sowohl die Staatsanwaltschaft als auch erste Gerichte plötzlich die Bedeutung seiner Aussagen. Brorhilker erklärte 2025 im Podcast „Handelsblatt Crime“, Stecks Schilderungen seien „keine harten Fakten“ gewesen, sondern vielfach „Empfindungen“ und „Bewertungen von Menschen“. Diese Distanzierung steht in scharfem Kontrast zur früheren Konzentration ganzer Anklagen auf seine Aussagen.

Der Fall Steck ist damit mehr als die Geschichte eines einzelnen Täters. Er offenbart die Verwundbarkeit des Rechtsstaats, wenn Ermittlungsbehörden ihre Neutralität zugunsten eines vermeintlich höheren Ziels preisgeben, Gerichte Aussagen unkritisch übernehmen und mediale Narrative die Wahrheitsfindung überlagern.

Steck selbst hat sich als zuverlässige Quelle juristischer Wahrheit disqualifiziert. Sein Buch ist kein Tatsachenbericht, sondern eine Selbstinszenierung. Gleichwohl liefert er im Rahmen des größten deutschen Steuerskandals auch neue Hinweise auf politische Akteure, denen nachgegangen werden muss. Er erklärt an zahlreichen Stellen, was Medien bisher nur verkürzt darstellen, z.B. dass diejenigen Personen oder Firmen, die für eine Aktie Kapitalertragsteuererstattungen mehrfach geltend machten, sich in den meisten Fällen gar nicht kannten. Und dann verweist er noch auf Informationen, nach denen eine deutsche Oberfinanzdirektion eine verbindliche Auskunft gegeben habe, dass vorgestellte Cum/Ex-Verkäufe inkl. Leerverkäufen rechtens seien. Dies wäre ein Freibrief für alle strafrechtlich Verfolgten.

Was Stecks Verhalten erschütternd macht, ist nicht allein der finanzielle Schaden mit Cum/Ex. Sein Handeln hat Existenzen zerstört, Menschen ins Gefängnis gebracht, Reputationen vernichtet und gesundheitliche Schäden verursacht. Und doch setzt sich die Selbstinszenierung fort. Hier treibt jemand seine öffentliche Rolle weiter, obwohl er selbst zu den Haupttätern illegaler Cum/Ex-Transaktionen gehörte, der Großteil der Tatbeute verschollen ist, er nicht ins Gefängnis musste wie andere mit deutlich geringeren Delikten und sich stattdessen in der Öffentlichkeit sonnt. Fasst schon als Pointe wirkt sein neues Tätigkeitsfeld als Life-Coach („ich helfe Gescheiterten“). Wir können nur hoffen, dass unser Rechtssystem nicht an solchen Personen scheitert. Stecks Buch ist dafür eine eindringliche Warnung.

Weitere Informationen:
www.ownly.dewww.family.ownly.de

 

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