Future of Führung – Wie sieht Teamwork post Pandemie aus?

Marla Korth

30. September 2021

Es ist Montagmorgen, 7 Uhr. Die kalte Winterluft verwandelt Ihren Atem in kleine Nebelwolken, während Sie mit eisigen Fingern das Lenkrad ihre Kleinwagens umklammern und durch verzweifeltes Drücken aller vorhanden Knöpfe versuchen, die Temperatur im Auto zumindest um einige wenige Grad zu erhöhen. Ihre italienischen Lederschuhe eignen sich vielleicht für den stilbewussten Arbeitsweg in Südeuropa, sind im norddeutschen Schneematsch allerdings völlig deplatziert. Der Anzug spannt nach einem Jahr geschlossener Fitnessstudios leicht, das Radio informiert über die immer noch steigenden Inzidenzen, die in starkem Kontrast zur Mission vieler Arbeitgeber stehen: Back to the Office, zurück in die Normalität – wie auch immer diese aussehen mag.

Da ist auf der einen Seite jene Fraktion, die glücklich ist, Kindergeschrei und heimwerkende Nachbarn hinter sich zu lassen, während von anderer Seite der Aufschrei nach heimischem Arbeiten laut wird. Die Pandemie könnte ein Aufbruch zu neuen Ufern sein; als Katalysator für die Implementierung eines Arbeitens wirken, dass so flexibel und individuell wäre, wie seine Ausführenden.

Doch für das New Work, ein Arbeiten im „Danach“ der Pandemie, existieren von comicartigen Sketchen bis hin zu detailgetreuen Fotografien verschiedenste Entwürfe: Die einen sind sich sicher, die neue Ära werde anders – agil, digital, virtuell – die anderen wagen im Angesicht der immer noch anhaltenden Unsicherheit keine genaue Prognose. Für manche stellt physische Präsenz eine Belastung da, während andere erst in den mit Teppichboden ausgestatteten heiligen Hallen des Bürokomplexes ihr vollstes Potential entfalten. Die Vorstellungen des idealen Arbeitsortes scheinen so weit auseinanderzuliegen, wie einst die von den Landesregierungen beschlossenen Hygienemaßnahmen.

Im Monatsrhythmus wurden seit März vergangenen Jahres neue Arbeitskonzepte entwickelt, der Bedarf nach aktuellen bleibt bestehen. Mit ihnen die Herausforderungen.

Ist die Katze aus dem Haus…

Eine dieser Herausforderungen ist zweifelsohne die Frage nach zeitgemäßer Führung. Wie viel Anwesenheit erfordert sie? Denn trotz der Vielzahl digitaler Möglichkeiten zeigt die Rückkehr in die Büros auch, wie einfach Kommunikation sein kann: Die Frage über den Schreibtisch hinweg geklärt, das Meeting kurz an der Kaffeemaschine vereinbart und beim Mittagessen Brainstorming betrieben. Sinkt die Zeit, die wir in täglichen Meetings und Calls verbringen, steigt möglicherweise auch die Effizienz. Gleichzeitig senden Noise-Canceling-Kopfhörer und ein konzentrierter Blick am Schreibtisch gegenüber auch klarere Signale, als ein Anwesenheitsstatus bei Microsoft Teams. Weiterer Vorteil: Ist der Laptop erst einmal zu oder bleibt möglicherweise sogar ganz im Büro, ist die Work-Life-Balance plötzlich ein kleines Stückchen näher. Ein weiterer Aspekt, der sich positiv auf die Effizienz auswirken könnte.

Doch das „New Work“ soll auch flexibel sein, hybrid und sich an die Bedürfnisse der Mitarbeiter anpassen. Das Vereinbaren von Beruflichem und Privatem, Job und Familie aber auch Arbeit und Freizeit. Plötzlich wäre es möglich, die Urlaubsreise eine Woche früher anzutreten und vom sonnigen Balkon des Ferienhauses zu arbeiten. Der Blick aufs Meer beflügelt Kreativität, während der gestiegene Vitamin D Spiegel für eine positive Arbeitsatmosphäre sorgt.

Doch mit dem hybriden Konzept ist es so eine Sache: Ein Chef, der sein Team aus Bali führt, sendet möglicherweise zweideutige Signale. Ist die Katze erst einmal aus dem Haus, könnten die Mäuse auf dem Tisch tanzen. Gleichzeitig ist es schwierig, ein Team für die gemeinsame Arbeit in den Büroräumlichkeiten zu motivieren, wenn das C-Level eine andere Klimazone bevorzugt.

Und dann wären da noch die „Analog Natives“, all jene, für die neue Technologien nicht zum selbstverständlichen Teil ihres Alltags gehören. Arbeit aus dem Home Office ändert plötzlich die Anforderungen an das eigene Zuhause und erfordert technisches Grundverständnis, welches einst durch den Lieblingskollegen oder das IT Help Desk geliefert wurde.  VPNs, Clouds und Videokommunikationsplattformen sind für manche eben noch immer Neuland. Nicht zuletzt auch für einige, vor allem ländliche, Teile des Landes, für die Highspeed-Anschlüsse und 5G nach wie vor nach Science Fiction klingen. Weltweit belegt Deutschland gerade einmal den 31. Platz im Ranking schnellster Internetverbindungen. Die Stadtflucht, Folge des vermeintlichen Siegeszuges des Home Office, wird folglich ihr übriges zu pixeligen Darstellungen der Kollegen beitragen.

…sitzen die Mäuse konzentriert am Schreibtisch?

Doch während die eine Seite anzugtragend die Stellung in den Büroräumen hält, lacht die andere in die heimische Kaffeetasse. Das Königsargument alle Diskussionen behält nach wie vor Schlagkraft: Die Arbeit wird von Zuhause ähnlich gut erledigt, von Faulenzen und Mittagsschlaf kaum eine Spur. Ganz im Gegenteil: viele Unternehmen, insbesondere in der Tech-Branche, konnten in den letzten 18 Monaten positive Entwicklungen zurücklegen. Corona hin oder her – ohne motivierte Mitarbeiter sind auch die attraktivsten Marktbedingungen nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Gleichzeitig erfordert die Zunahme internationaler Teams ohnehin grenz- und zeitzonenübergreifende Kommunikation. Start-Ups können während ihrer Sprints ein Lied von Nächten im Büro und nächtlichen Anrufen singen und trotz allem bleibt die eine Erkenntnis: Es funktioniert.

Besonders jungen Unternehmen bietet „Remote“ darüber hinaus große Chancen: Sie können auf Know How an unterschiedlichen Standorten zurückgreifen, ohne wertvolle Ressourcen für nicht notwendige Reisen aufzuwenden oder Zeit bis zum nächsten Get-together verstreichen zu lassen. Die Fixkosten, die durch den Verzicht auf gemeinsame Räumlichkeiten eingespart werden, können gewinnbringend in den Ausbau des Geschäftsmodells und sein Wachstum investiert werden. Insbesondere heute, zu Zeiten schnelllebiger Ideen, internationaler Konkurrenz und eines volatilen Umfelds, sinnvoll.

Außerdem: Gut qualifizierte Mitarbeiter sind aktuell in der Lage, ihren Arbeitgeber frei zu wählen, suchen letztere in Folge wachsender Digitalisierung verzweifelt nach gut ausgebildeten Fachkräften. Ein Obstkorb und Kickertisch sind längst kein Argument mehr – Attraktivität definiert sich heute über das Maß an gebotener Flexibilität. Ein weiterer Punkt also, der konservativen Unternehmen nicht nur Gewinne, sondern langfristig auch Kopf und Kragen kosten könnte.

Wenn Katz und Maus an einem Strang ziehen

Führung definiert sich als die Fähigkeit einer Organisation, Einzelpersonen zu beeinflussen, zu steuern und sie zu zielführendem Handeln zu motivieren. Doch ein Faktor wird dabei häufig vergessen: Die intrinsische Motivation jedes Einzelnen.

Die Führung von Morgen ist längst kein autoritärer Ton von oben mehr, kein grimmiges Wegweisen mit dem Rohrstock. Vielmehr geht es darum, Bedingungen und Arbeitsumfeld bestmöglich auf die Teammitglieder auszurichten, um ihr volles Potential auszuschöpfen. Zufriedenheit resultiert in Motivation, Motivation wiederrum in Erfolg – für den Einzelnen und schlussendlich auch für das Kollektiv.

Die Tatsache, dass manch einer die italienischen Leder-Pantoletten lieber gegen Pantoffeln tauscht, gibt keinerlei Hinweise auf seine Arbeitsmoral und die Odysee des winterlichen Arbeitswegs mag für wiederum andere ein positiver Start in den Tag sein. Dem erfolgreich Führenden obliegt es einzig, den Raum zu schaffen, in dem jeder diese Entscheidung eigenständig, wenn auch nicht eigennützig, fällt.  

Denn über allem steht schließlich die eine, zentrale Erkenntnis: ohne ein motiviertes Team, bleibt eine gute Idee für immer ein farbiges Luftschloss.

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