Trend oder Hype? NFT meets Kunst.

Dr. Franziska Ida Neumann

23. August 2021

Über die neuen digitalen Statussymbole auf dem Kunstmarkt

Der international bekannte, britische Künstler Damien Hirst hat es getan. Er ist im Juli 2021 in das Geschäft mit der NFT-Kunst eingestiegen. Obwohl aktuell noch kaum jemand versteht, ob es sich bei den Non-Fungible-Token um einen nachhaltigen Trend oder einen finanziellen Hype handelt, war der Andrang auf die 10.000 verfügbaren Hirst-NFTs dermaßen groß, dass der Zuschlag an die Interessenten per Losverfahren erteilt wurde. Im musealen Bereich haben die Uffizien in Florenz damit begonnen, Werke bekannter Künstler aus der Sammlung als NFTs zum Kauf anzubieten. Die digitale Parallelwelt hat die Kunstbranche längst erfasst. Warum geben Menschen Geld für ein Kunstwerk aus, dass nur als digitale Datei existiert und was bedeuten die neuen digitalen Statussymbole aus Investmentsicht: Zuschlagen oder abwarten?  

„Sergito“ ist ein NFT-Patriot. Der junge Kryptoart-Sammler und Investor wohnt in einem kleinen Appartement in New York und hat in den letzten Monaten US$100k in über 150 digitale Kunstwerke investiert. Für physisch reale Kunstwerke hat er keinen Platz, sagt er. Seine digitale Kunstsammlung stellt er in einer Onlinegalerie aus. Der Rundfunksender ARTE hat den Kunstsammler und weitere Künstler für ein Reportagenformat interviewt, das der Frage nachgeht: Was ist NFT-Kunst?

Seit Beginn des Jahres sorgen die Non-Fungible-Token für Aufregung und Verwirrung in der Kunst- und Investmentbranche. Mit einigem Abstand zum Geschehen ist es an der Zeit, sich einen Überblick zu verschaffen, denn: Kunst-NFTs sind in aller Munde aber kaum jemand versteht, wovon er spricht. Einer der weiß, wovon er spricht, ist Vignesh Sundaresan, Investor und Programmierer aus Singapore. Er ist unter dem Pseudonym MetaKovan bekannt und hat den weltweiten Hype um NFT-Kunst ausgelöst, indem er das Werk Everydays: The First 5000 Days des Künstlers Beeple, bürgerlich Mike Winkelmann, im März 2021 bei Christie’s erstand. Gezahlt hat Sundaresan in Ether, einer Digitalwährung. 42,329 Ether entsprechen umgerechnet US$69.3m. Über Nacht ist Beeple damit in die Riege der teuersten zeitgenössischen Künstler wie Jeff Koons, David Hockney und Damien Hirst aufgestiegen. Der 41-Jährige Winkelmann aus Wisconsin hat damit geschafft, wovon viele Künstler auch am Ende Ihres Schaffens weit entfernt sind: Er hat sich einen Namen gemacht. Sundaresan geht davon aus, dass das NFT Everydays: The First 5000 Days eines Tages die Wertmarke von einer Milliarde US-Dollar übersteigen wird.

 

NFTs & Auktionen

Im Juni diesen Jahres zog Sotheby’s als zweites großes Auktionshaus nach und ließ die Auktion Natively Digital: A Curated NFT-Sale acht Tage online laufen. Die kuratierte Verkaufsschau erreichte Spitzenpreise für Lose von so genannten emerging crypto artists, also jungen Künstlern, sowie Old Masters. Letztere sind Künstler, die bereits seit vielen Jahren im Bereich der Digitalkunst tätig sind. Das Los des 1980 geborenen Künstlers Don Diabolo wurde bei €927.500 zugeschlagen. Verkauft wurde eine MP4-Datei mit dem Namen INFINITE FUTURE. Die 9 Megabyte große TIF-Datei Quantum von Kevin McCoy wechselte für US$1.472m den Besitzer. Ganz gleich wie bei Auktionen physischer Kunstwerke gibt es einen Auktionskatalog, in welchem die Lose beschrieben und die Interessenten über den technischen Zustand der jeweiligen Werke mit Hilfe so genannter Condition Reports informiert werden.

Auf die Frage, was denn NFT-Verkaufsplattformen wie Rarible, Opensea oder NiftyGateways von traditionellen Auktionshäusern unterscheidet, antwortet Ehtan van Ballegooyen, Head of Support bei Rarible: „Ein Unterschied zwischen Sotheby’s, Christie’s und so genannten Marketplaces wie Rarible ist, dass wir eine rein digitales Unternehmen sind und ohne den direkten Kundenkontakt auskommen. Zu unseren größten Sellingpoints gehört aber sicherlich, dass die Künstler ihre Kunstwerke bei uns im Gegensatz zu traditionellen Häusern eigenständig kreieren und anbieten können. Sie brauchen keine Erlaubnis, um über Rarible & Co. zu verkaufen. Sie tun es einfach.“ Gegen eine Gebühr können Künstlerinnen und Künstler ihre Kunstwerke auf Handelsplattformen mit einem einzigartigen Token verbinden. So wird aus einem kopierbaren GIF, JPEG oder Video ein fälschungssicheres Original.

 

NFTs & Blue Chip Künstler

Im Bereich der realen Blue Chip Kunst ist kein geringerer als Multiunternehmer und Künstler Damien Hirst in das Geschäft mit der NFT-Kunst eingestiegen und hat auf interessante Weise die physische mit der digitalen Kunst verbunden. Und die neuen Eigentümer damit vor ein Dilemma gestellt.

Hirst bot im Juli diesen Jahres 10.000 Papierarbeiten im Format zu je 20 x 30 cm zum Verkauf an. Jedes Blatt ein Unikat. Darauf zu sehen sind Farbpunkte. Um den Bezug zur NFT-Kunst herzustellen, verband Hirst jedes der Blätter mit einer NFT-Datei. Ein physisches Blatt Papier als Kunstwerk und eine dazugehörige NFT-Datei. 10.000 Mal. Über die Website heni.com mussten sich alle Interessenten im Vorfeld mit einer Emailadresse um den Kauf bewerben. Der Countdown lief sieben Tage. Der Andrang war enorm. Es gab mehr Interessenten als verfügbare Kunstwerke. Wer mit mehreren Emailadressen ins Rennen gehen wollte, um die Chance des Zugriffs zu erhöhen, musste neben verschiedenen Emailadressen auch unterschiedliche IP-Adressen vorhalten, um sich mehrfach registrieren zu können. Der Clou an dem Deal? The Currency, so der Name des Projektes, verwahrt die Papierarbeiten in einem Sicherheitslager in Großbritannien. Und das für das ganze kommende Jahr. Jeder Eigentümer muss sich innerhalb von 365 Tagen entscheiden: Nehme ich das reale Kunstwerk oder möchte ich die dazugehörige NFT-Datei erwerben? Beides zusammen geht nicht: Hirst wird eins von beiden am 27. Juli 2022 zerstören lassen. Die neuen Eigentümer haben die Wahl. Egal wofür sie sich entscheiden, der Ursprungspreis von US$2k wird in jedem Fall beim Wiederverkauf steigen. Egal, ob für das physische oder das digitale Gegenstück. Hirst möchte mit The Currency nach eigenen Angaben die Brücke zwischen realer und digitaler Welt schlagen und sieht das gesamte Projekt als Kunstwerk, in welchem jeder einzelne Käufer durch den Erwerb zum Teil dessen wird.

 

NFTs & die Museen

Dass man die NFTs durchaus von realen Kunstwerken trennen kann und trotzdem beide Versionen existieren, haben die Uffizien bewiesen. Als Vorreiter im musealen Sektor hat das italienische Museum in Florenz Teile seiner Sammlung tokenisieren lassen. Bekannte Werke von Michelangelos haben nun einen digitalen Zwilling. Das Museum hat den monetären Mehrwert der digitalen Entwicklung erkannt und verkauft die NFTs von Michelangelo und anderen Künstlern an interessierte Sammler. Die physischen Originale befinden nach wie vor im Museum, die dazugehörigen digitalen Dateien verteilen sich auf der ganzen Welt und gelangen in die Onlineviewingrooms privater Kunstliebhaber. Das NFT des Tondo Doni, einem Rundbild um 1506 entstanden, das die heilige Familie zeigt, gemalt von eben jenem Michelangelo Buonarotti, ging für €140k an eine Käuferin, die nun eine digitale Datei und ein Foto des Kunstwerks ihr Eigen nennt. Die Preise zwischen NFT und realem Kunstwerk müssen nicht zwingend übereinstimmen. Sie können im Vergleich zum physischen Objekt darüber und auch darunter liegen. Interessant ist die Geldbeschaffung für Museum in Zeiten notorisch leerer Kassen der Kulturbranche allemal. Dass wir aber bald durch Museen gehen, die nur noch QR-Codes an den Wänden zeigen, weil die hauseigene Kunstsammlung auf NFTs umgestellt wurde, dürfte nicht zu befürchten sein.

 

NFTs & die Galerien

Anhand der vorangegangenen Beispiele wird deutlich, dass NFT-Kunst in vielen Formen daherkommt. Ob als rein digitales Objekt wie z.B. JPEG, TIF, MP4-Datei oder als digitale Zwillingsdatei zu einem physisch existierenden Kunstwerk, NFTs haben viele Gesichter. Eine der wichtigsten Eigenschaften der Non-Fungible-Token ist sicherlich Ihre Fälschungssicherheit auf der Blockchain und damit einhergehend der Umstand, dass alle digitalen Dateien mit einem Echtheitszertifikat versehen und verkauft werden können. Neu ist auch, dass sich viele Digitalkünstler im Internet selbst vermarkten und ihre Arbeiten online über die Marketplaces anbieten können. Wird der klassische Galerist im digitalen Paralleluniversum also obsolet? Das könnte man so sehen, oder aber man springt auf den NFT-Zug auf und setzt sich an die Spitze der Entwicklungen. So wie der international bekannte, deutsche Galerist Johann König, der bereits sehr früh erkannt hat, welches Potential in NFTs als neuem Produkt steckt. Seine Ausstellung The artist is online: Kunst im postdigitalen Zeitalter zeigte bereits im März 2021 Kunstwerke, die parallel auch als NFT erhältlich waren. Und ganz wie bei realen Ausstellungen wurde auch diese Schau durch eine Kuratorin begleitet und die gezeigten Werke von ihr zusammengestellt.

 

NFTs & die Folgerechtsabgabe

Ein weiterer Vorteil der NFT-Kunst kommt mit dem Stichwort „Folgerechtsabgabe“ daher. Laut der Verwertungsgesellschaft Bild-Kunst: „Das Folgerecht ist ein gesetzlicher Anspruch des Künstlers bzw. seiner Erben auf Beteiligung am Weiter- bzw. Zweitverkaufserlös eines Kunstwerks, wenn es von einem Kunsthändler erworben, vermittelt oder veräußert wird.“ Im Rahmen von Auktionshäusern ist die Folgerechtsabgabe zum Standard geworden. Aber im Bereich von Privatverkäufen, die öffentlich nicht registriert werden, ist die Folgerechtsabgabe mehr Goodwill denn allgemeiner Standard. Dies würde sich durch die auf der Blockchain gespeicherte Nachvollziehbarkeit der Eigentumsverhältnisse zu mindestens bei NFT-Kunst grundlegend ändern. Der Künstler könnte so auf eine Art lebenslange Rendite seiner Kunstwerke hoffen.

Warum aber geben Menschen bis zu siebenstellige Budgets für eine Datei aus, die im Zweifel nur digital existiert? Die Antwort liegt im Generationenwechsel. Neben Early-Bird-Investoren interessieren sich vor allen Dingen junge Menschen, die mit dem Internet aufgewachsen sind, für NFTs. Das sind die so genannten Digital Natives. Es handelt sich dabei um eine neue Generation von Sammlern, die online so agieren, wie die Generationen vor Ihnen in der realen Welt.  NFTs erschließen dabei eine Käuferschicht, die im Moment noch vorrangig aus Gamern und Tech-Gründern besteht, denen der Zugang zu Online-Plattformen und virtuellen Räumen vertraut ist.

 

NFTs & der Generationenwechsel

Digitaler Besitz wird durch die Weiterentwicklung des Internets für viele Menschen immer wichtiger. Meinungen gehen davon aus, dass alles, was heute physisch vorhanden ist, in den kommenden Jahrzehnten einem digitalen Klon zugeordnet wird. Wir sind dabei, eine digitale Parallelwelt aufzubauen. Und die Kunst ist ein Teil davon. NFTs sind bislang noch kein Thema für das traditionell gediegene Publikum, welches die TEFAF (The European Fine Art Fair) einmal im Jahr in Maastricht besucht. Auch für viele Besucher der progressiven ART BASEL, der international wichtigsten Messe für zeitgenössische Kunst, sind NFTs noch eine Nummer zu hipp.

 

NFTs & das Fazit

Kunst-NFTs sind im Begriff, Bestandteil der digitalen Kultur zu werden. Fragt sich, ob das Thema auch für eine breitere Masse an Investoren interessant ist oder ob sich hier die Tulpenmanie aus dem 17. Jahrhundert wiederholt, als der Handel mit Blumenzwiebeln eine Spekulationsblase begründete. Sind Kunst-NFTs die Tulpen unserer Zeit?  Wenn es nach dem Geschäftsführer eines bekannten deutschen Auktionshauses geht, dann sind NFTs nur eine digitale Modeerscheinung, der man nicht allzu viel Bedeutung beimessen sollte. Nicht mehr als eine Spielart. ABER: Die Avantgarde hat es immer schwer. Das war schon bei Picasso und Monet nicht anders. Beide Künstler, heute mit Weltruhm, rangen damals um ihr Publikum als der aufkommende Impressionismus und Kubismus die Gemüter verunsicherte.  

Kunst hat etwas damit zu tun, voranzugehen. Etwas zu wagen. Und nicht nur Künstler, sondern auch Kunstkäufer der ersten Stunde sind Patrioten. Sie kaufen, wenn der Künstler oder die Kunst noch kein Mainstream sind, zu meist erschwinglichen Preisen aber mit finanziellem Risiko. Der amerikanische Kritiker Dave Hickey sagte: „Wenn man zu viel für ein Kunstwerk zahlt, bezahlt man den Preis für seine Feigheit.“ Denn wer kauft, wenn alle kaufen, zahlt den höheren Preis. Es ist das alte Spiel von weniger Risiko und weniger Rendite.

Lohnt sich das frühzeitige Investieren in NFT-Kunst? Ja, aber: Der physische Kunstmarkt gilt vielen Außenstehenden bereits als ein Buch mit sieben Siegeln. Potenzieren Sie diese sieben Siegel und Sie erhalten einen Annäherungswert, der die aktuelle Unverständlichkeit des NFT-Marktes widerspiegelt. Blind auf diesen oder jenen Künstler zu setzen und zu hoffen, dass das schon gut geht, funktioniert bereits im realen Kunstinvestment nicht. Und noch weniger funktioniert das in der digitalen Welt. Viele Anleger, die ohne Sachverstand in Non-Fungible-Token (sei es Kunst, NBA Basketballvideos oder Krypto-Kätzchen) investieren, haben am Ende „ein fälschungssicheres Irgendwas mit Blockchain erworben“, so hat es der Kunstversicherer Dr. Stephan Zilkens vor wenigen Wochen auf den Punkt gebracht. Wer in das Kunstinvestment einsteigen möchte, sollte in einem ersten Schritt reale Zeichnungen, Gemälde oder Skulpturen kaufen um sich mit der Materie vertraut zu machen. In NFT-Kunst zu investieren ist noch schwieriger als sich auf dem real existierenden Kunstmarkt zurechtzufinden und dort Werke mit Investmentpotential anzusteuern.

Aber ganz klar ist auch, dass hier etwas im Gange ist, das richtig groß werden könnte. Für langjährige Kunstsammler könnte es einen Höhepunkt der eigenen Sammlung darstellen, bald die digitalen Äquivalente von Kunstwerken Michelangelos ihr Eigen zu nennen.

Wer in weiter in die Materie einsteigen möchte, kann sich mit Namen wie Pranksy, Redlioneye Gazette oder Chi Modu vertraut machen.

Sergito, der NFT-Sammler aus New York, sagt, dass er die digitalen Werke von Beeple, welche sich in seiner Sammlung befinden, eines Tages an seine Enkel weitergeben möchte. Damit diese „stolz auf mich sind, wenn sie an die Zeit zurückdenken als ihr Opa für verrückt erklärt wurde, weil er Tausende Dollars für GIFs und JPEGs ausgegeben hat.“

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