Quotenfrau und stolz darauf – warum die Frauenquote zwar keine Lösung, aber endlich ein Anfang ist

Marla Korth

4. Dezember 2020

Null ist weiblich

Die schwarze Null – erstrebenswert in manchem Kontext, erschreckend in manch anderem. Besonders erschreckend, wenn es um die Rolle von Frauen in der Wirtschaft geht und um die Frage, wie viele wir von ihnen brauchen, um unser Land bunter, zeitgemäßer und vor allem gerechter zu machen. Null. Antworteten zumindest über 70% der deutschen Unternehmen auf die Frage, welchen freiwilligen Zielwert sie für die Beteiligung von Frauen in ihren Aufsichtsräten festlegen. Gleichzeitig sucht man bei über einem Drittel der DAX Unternehmen vergeblich nach einem Rockzipfel in der anzugtragenden Vorstandssitzung. Null.

Millionen Geflüchtete sahen in Deutschland eine Zukunft voller Perspektiven, Chancen und die Möglichkeit, hier all das zu werden, was man sich erträume. Im Ausland gilt unser Land als wirtschaftlicher Vorreiter, als politisch geschickt, als zukunftsorientiert und mit einer Frau an der Spitze auch als fair, offen und von sämtlichen geschlechterspezifischen Mustern befreit. Taucht man tiefer in die deutsche Gesellschaft ein, stellt man fest, dass dies stimmt – zumindest bis zu einem bestimmten Punkt. Die Chance auf Bildung gilt für jeden gleichermaßen; kleine Mädchen träumen von einer Karriere als Feuerwehrfrau, Astronautin, Erfinderin – Du kannst alles werden, wenn Du nur fest genug daran glaubst. Es gibt unzählige Programme, die Frauen in klassisch „männlichen“ Bereichen fördern – IT, Logistik, Naturwissenschaft – und auf ein Verschwimmen der geschlechterspezifischen Grenzen hinarbeiten. Doch es scheint eine Gläserne Decke zu geben, die historisch gesehen genau dort eingezogen wurde, wo Verantwortung beginnt. Die Zahl von Frauen in der Softwareentwicklung steigt, jene von weiblichen IT-Direktorinnen kaum. Eine uniformierte Frau am Gate des Flughafens wird klassischerweise für eine Stewardess gehalten, dass sie als Pilotin die Maschine mit hunderten Passagieren an Board auf die andere Seite der Erde manövriert, scheint nicht offensichtlich zu sein.

 

Verantwortung ist weiblich

Doch warum führt Deutschland ohne Vielfalt? Während im Ausland die Anzahl von Frauen in Führungspositionen während der aktuellen Pandemie stieg, sank sie hierzulande gemessen an der Anzahl weiblicher Vorstandsmitglieder in DAX-Unternehmen. Von 29 im vergangenen auf 23 in diesem Jahr. Und das, obwohl in der Krise eine möglichst hohe Anzahl an Perspektiven gewinnbringend ist, obwohl Studien zeigen, dass Frauen in Unsicherheit besser führen, als ihre männlichen Kollegen.

Das dies nicht so bleiben kann, leuchtet ein. Dass etwas dagegen zu tun jedoch schwieriger ist, als auf den ersten Blick vermutet, auch.

Er ist ein Tropfen, in ein noch fast leeres Fass: Der Gesetzesentwurf der Bundesregierung, der vor knapp zwei Wochen eine verbindliche Regelung für die Frauenquote in der Vorstandsetage einführte. Es ist eine verordnete Modernisierung für jene Unternehmen, die diese nicht eigenständig angehen oder als Konsequenz ihrer meist männlichen Führungsriege nicht angehen wollen. Es ist die selbstverschuldete und trotzdem unfreiwillige Revolution, die die deutsche Berufswelt endlich gerechter machen soll.

Für viele ist die Quote ein längst überfälliges Signal, dass kaum eine intrinsische Motivation der Unternehmen besteht, etwas gegen die Ungleichheit zu tun. Gleichzeitig auch ein Signal, dass sie gesehen wird, die Ungleichheit. Endlich.

 

Ist die Quote wirklich weiblich?

Gleichzeitig wirft die neue Regelung Fragen nach den Risiken und Nebenwirkungen auf.

Muss ich mich zukünftig fragen, wie viel Quote in mir steckt? Bin ich zu 50% befähigt, zu 50% weiblich? Reichte mein alleiniges Können möglicherweise nicht aus, mein Geschlecht aber schon? Geschlecht als Qualifikation – wenn wir ehrlich sind, gab es das schonmal. Umkehrt zwar, aber damals schrie niemand auf. Damals als Frauen für manche Berufe „nicht geeignet“ waren, als die Männerquote bei 100% lag. 

Und wenn wir uns berappeln, feststellen, dass wir dem Job, der Herausforderung gewachsen sind, mit oder ohne Quote, kommt der Blick der Kollegen. Die Frage, wie viel Quote sie in mir sehen.

Und die Gegenfrage: Herrscht vielleicht schon eine Männerquote? Eine unsichtbare und trotzdem allgegenwärtige? Unter Männern wird bei einem Bier angesprochen, dass das eigene Unternehmen gerade auf Mitarbeitersuche sei, man ja mal ein gutes Wort einlegen und den anderen empfehlen könnte. Man habe da was gehört, ein guter Freund habe sich vor kurzem selbstständig gemacht und suche aktuell jemanden, der seine Website designen könnte. Oder die Finanzen übernehmen. Die unsichtbaren Fäden, die im Hintergrund gezogen werden, sind unter Männern möglicherweise dichter verwebt als bei uns Frauen. Und bis wir hier aufgeholt haben, braucht es vielleicht eine Strickleiter, die die Quote zu uns hinunterrollt, um den Weg nach oben zu ebnen.

Möglicherweise aber ist die neue Quotenregelung nicht der endgültige Weg zum Ziel. Vielleicht gilt es, bei der Förderung weiter unten anzusetzen, im mittleren Management zum Beispiel. Vielleicht müssen dort die Weichen für ein gerechteres Berufsumfeld gelegt werden, dass es den Frauen auf natürlichem Wege ermöglicht, die Karriereleiter empor zu klimmen. COVID-19 hat gezeigt, wie flexibel Arbeiten sein kann, wenn es muss. Es geht um das Ablegen der „Sie ist jetzt aber bald in dem Alter, wo sie möglicherweise eine Familie gründen wird“-Brille im Bewerbungsgespräch und dem Fokus auf Mut und Motivation. Um das Einführen von Teilzeitregelungen und Home Office, dass die Vereinbarung von Beruflichem und Privatem ermöglicht. Um das Aufzeigen eines Weges, den viele junge Frauen vielleicht gern gehen würden, sich aber ohne etwas Rückenwind seitens des Unternehmens nicht zutrauen. Quote ist das, was wir daraus machen.

Gleichzeitig geht es um das Ablegen der Stigmatisierung der Quotenfrau. Zukünftig wird es mehr von ihnen geben, viele hoffentlich. Sie sind identisch qualifiziert und motiviert, sie haben ihren Platz am Tisch genauso verdient, wie jeder andere. Sie können stolz auf sich sein, auf sich als Frau, als Quotenfrau. Genau wie jeder Mann, nur dass dieser seinen Chefsessel etwas weniger rechtfertigen muss – auch vor sich selbst.

Die Frauenquote ist keine Lösung aber endlich ein Anfang. Ein Auslöser für eine Diskussion, die hoffentlich noch lange fortbesteht und erst dann beendet ist, wenn die viel propagierte Gleichberechtigung jeden Winkel unserer Wirtschaft durchzieht.

Null mag zwar weiblich sein, aber Gleichberechtigung ist es auch.

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