Mensch und Technologie, Teil I:

Marla Korth

7. Oktober 2020

Mensch und Technologie, Teil I:

Turning silver into gold – oder was morgen passiert, wenn die Menschen von gestern schon heute nicht mehr gut genug sind

 

Bereits heute ist alt nicht mehr weise. Nicht mehr klug und lebenserfahren, nicht mehr allwissend. Nur noch alt. Wer es heute nicht ist, wird es morgen sein. Oder übermorgen.

Das Alter als ein wohl gehütetes Geheimnis, die ewige Jugend als der Weg zum Glück; man sei nur so alt, wie man sich fühle. Binnen 150 Jahren hat sich die Lebenserwartung in Deutschland mehr als verdoppelt, die gesellschaftliche Altersstruktur verschob sich so schnell, wie in der Geschichte nie zuvor und ließ die graphische Darstellung der Demografie, die Bevölkerungspyramide, zu einem urnenförmigen Abbild des deutschen Populationsrückgangs werden. Während die Geburtenrate sinkt, steigt die Lebenserwartung stetig und führt damit nicht nur zu einer tiefgreifenden Veränderung der Gesellschaftskomposition, sondern auch zu vorher nie dagewesenen Fragen, auf die es eine Antwort zu finden gilt.

Denn Deutschland scheint aktuell noch nicht bereit zu sein für das, was neue Erkenntnisse in Technologie, Medizin und Forschung bewirken (werden). War es früher noch selbstverständlich mit drei, teilweise sogar vier Generationen unter einem Dach zu leben, so treibt uns der Wunsch nach Individualisierung, dem Herausstechen aus der Masse, einem Alleinstellungmerkmal und Selbstverwirklichung vielleicht weiter von ebendiesem weg, als wir zu vermuten wagen. Die Stränge der Generationen scheinen sich abgekapselt voneinander zu entwickeln und weisen gleichzeitig immer weniger Berührungspunkte miteinander auf. Veränderung passiert schnell, es muss Schritt gehalten werden und wer das nicht kann… der bleibt scheinbar zurück.

Noch nie zuvor geschah Innovation so rasant, veränderte sich unsere Wirklichkeit so schnell und wurden wir so unvorbereitet vor neue Hürden gestellt. Die Herausforderungen der Vergangenheit scheinen zwar gelöst, gleichzeitig entstehen aber im Angesicht von Big Data und Co, ständig neue. Bereits jetzt wurde die Population je nach ihrem technologischen Kenntnisstand gruppiert, man unterscheidet zwischen Digital Natives und Digital Immigrants. Erstere sprechen die neue digitale Sprache fließend, sind mir ihr aufgewachsen und integrieren neue Technologien intuitiv und selbstverständlich in ihren Alltag. Letztere hingegen wurden erst im Laufe ihres Lebens an sie herangeführt, sie unterscheiden zwischen einem davor und danach. Stichwort „Früher war alles besser“. Sie erlernten die binäre Sprache erst im Laufe ihres Lebens; können theoretisch zwar zu dem Kenntnisstand der Natives aufholen, allerdings setzt dies ein intensives Befassen mit dem Thema voraus. Doch wo gruppieren sich jene ein, die im Laufe ihres Lebens keine oder kaum Berührungspunkte mit digitalen Medien, Smartphone, Laptops und all jenem aufweisen, was es vor 50 Jahren schlichtweg noch nicht gab? Nennen wir sie die Digital Absents.

Aktuell leben in Deutschland knappt 18 Millionen Menschen, die mindesten 65 Jahre alt sind. Der erste Personal Computer, ein Computer, der für den heimischen Gebrauch durch den Endkunden konzipiert wurde, war der 1976 von Apple auf den Markt gebrachte Apple I. Er war damals noch weit entfernt von alldem, für das der Konzern heute, zumindest aus Sicht von Marketing und Selbstdarstellung, steht: schlichtes und modernes Design, optischer Minimalismus bei gleichzeitigem funktionalem Maximum. Doch entscheidend ist, dass die Absents zu diesem Zeitpunkt mindestens schon 20 Jahre alt waren. Ihre komplette Schullaufbahn ließ sich auf ein Blatt Papier und eine Gründwandtafel skizzieren. 

Bis der Computer flächendeckend eingeführt war, vergingen mindestens zehn weitere Jahre. Unsere Absents waren nun seit geraumer Zeit ins Berufsleben integriert; ein Büro zeichnete sich damals noch durch die Anzahl der Aktenordner in den Regalen aus und Unterhaltungen am Kopierer waren die Zigarettenpause der Nichtraucher.

Und heute?

„Alles anders“ ist keine Hyperbel mehr.

Von der technologiefernen Altersgruppe also anzunehmen, sie könne zu dem Level jener aufschließen, die scheinbar mit einem Smartphone in der Hand zur Welt kamen, ist schlicht paradox.

Ist die silberne Generation also nicht mehr gut genug für unser schnelllebiges Heute?

In jenen Landzügen, in denen die Digitalisierung aufgrund der wirtschaftlichen Gesamtsituation noch weniger fortgeschritten ist, als bei uns, ist der Stellenwert des Alters noch ein anderer. Bei Unklarheiten, Rat oder schlichtweg dem Bedürfnis nach einer Meinung, wird keineswegs ein Suchmaschinenalgorithmus konsultiert, sondern der Stammesälteste. Alter gilt hier nicht als Makel sondern als erstrebenswertes Attribut.

Stützt man sich auf die Annahmen des deutschen Zukunftinstituts, so wird hierzulande in den kommende Jahren ebenfalls eine Entwicklung zu beobachten sein, die sich dem traditionellen Lebensbild annähert und sich vom bisher zu beobachtenden Trend kontinuierlich entfernt. Man spricht in diesem Zusammenhang von der „Silver Society“, einer Gesellschaft, die sich in Folge von Forschung und Medizin beginnend mit dem Renteneintritt schlagartig mit einer neuen Lebensphase konfrontiert sieht, die in der Vergangenheit nicht existent, zumindest aber weitaus kürzer war. In Folge dessen steigt, trotz wachsenden Durchschnittsalters der Gesellschaft, ihre Vitalität und der Wunsch nach Selbstverwirklichung im höheren Alter. Es geht darum, die Perzeption des „Altwerdens“ grundlegend umzukehren, sich von negativen Assoziationen abzuwenden und den Wunsch nach ewiger Jugend in das Bedürfnis nach einem ereignisreichen und selbstbestimmten Reifeprozess umzuwandeln.

Doch auch die jüngere Generation, die von allen Fragen rund um Themen des höheren Alters noch unendlich weit entfernt zu sein scheint, ist Teil dieser gesellschaftlichen Kehrtwende. Mehr Austausch, weniger Algorithmen, wachsendes Verständnis bei gleichzeitiger physischer Vernetzung. Es geht darum, Mitmenschen nicht nach Alter oder digitalem Können zu gruppieren, miteinander zu kommunizieren und voneinander zu lernen.

Wer den Blick nicht vom Bildschirm hebt, verpasst womöglich etwas ganz Wesentliches: Die Verschmelzung auf menschlicher Ebene, unabhängig von jeglichen Datenströmen.

 

 

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