Der Fall Wirecard und seine Lehren für die private Vermögensverwaltung

Marla Korth

12. August 2020

Nicht einmal das hochsommerliche Wetter brachte das Management so sehr ins Schwitzen, wie die vielen Schlagzeilen, mit denen sich das Aschheimer Unternehmen seit April konfrontiert sah: Die Rede ist, wie sollte es auch anders sein, von Wirecard. Weil mittlerweile jedes auch nur annähernd wirtschaftlich ausgerichtete Online-und Offline Magazine über diesen Fall berichtete, hier nur eine sehr kurze Zusammenfassung der Ereignisse: Bereits im März sorgte die Ankündigung des Unternehmens, die ursprünglich für Anfang April geplante Veröffentlichung des Geschäftsberichts verzögere sich bis Ende des Monats, für Stirnrunzeln. Kurioser wurde es, als kurz vor ebendieser Veröffentlichung ein Prüfungsbericht von KPMG publik wurde, der das Management und den Konzern schwer kritisierte.

Wie in solchen Situationen üblich, wurden zunächst alle Vorwürfe zurückgewiesen, der Aktienkurs jedoch, Spiegel externer Einschätzungen, sank. Die Situation rund um die Wirecard Aktie blieb allerdings volatil, im Juni (kurz vor den verheerenden Neuigkeiten) verzeichnete sie ihr Rekordhoch seit der Talfahrt im April. Kleiner Spoiler vorweg: Dies sollte nicht so bleiben. Am 18. Juni, kurz vor Sommeranfang, dann die eher weniger sonnige Ankündigung, ein Viertel der Konzernsumme, die sich eigenen Angaben zufolge auf Treuhandkonten auf den Philippinen befinde, sei von Wirecard bisher nicht ausreichend nachgewiesen worden. Ihr Chef kündigte an, die AG werde Anzeige gegen Unbekannt erstatten und sich um schnellstmögliche Aufklärung bemühen. Diese war wenige Tage später auch gegeben: Die philippinischen 1.9 Milliarden Euro (dies entsprach einem Viertel der gesamten Bilanzsumme…) existierten tatsächlich nicht. Die Folgen: Insolvenz, ein riesiger Skandal und viele Fragen.

Es ist schon kurios, dass ein DAX-Unternehmen, welches im Land der Regularien und Kontrollen ansässig ist, es schaffte, seine Aktionäre, Kunden, und (so soll es uns zumindest weisgemacht werden) auch das eigene Management jahrelang hinters Licht zu führen. Die Wirecard AG selbst unterlag als Zahlungsdienstleistungsunternehmen der stetigen Kontrolle durch die BaFin, für die Tochtergesellschaft, die Wirecard Bank AG, wurde sogar eine Banklizenz ausgestellt. Wie schaffte das Unternehmen es also, sämtliche Aufsichtsorgane und staatliche Prüfstellen um ein Viertel, fast 2 Milliarden, zu betrügen?

Der größte Bilanzskandal der deutschen Geschichte wirft nicht nur Fragen, sondern auch ein düsteres Licht auf die Finanzbranche. Seit 2008 war das Vertrauen zwischen Kunde und Finanzinstitutionen zunächst schleppend wieder aufgebaut worden, durch neue Regularien rund um die Optimierung des Kundennutzen (denken wir an PSD2) wurde versucht, das von einigen noch immer als negativ wahrgenommene Image wieder aufzupolieren. Wirecard selbst bietet, oder besser bat, Lösungen für den elektronischen Zahlungsverkehr an, ist im weitesten Sinne also auch in der Finanzbranche zu verorten. Wird deutschen Unternehmen seitens des Kunden ein im direkten Vergleich zu ausländischen Konkurrenten hohes Vertrauen entgegengebracht, so hat dieses durch den aktuellen Skandal zumindest einen erheblichen Kratzer erhalten. Für Aktionäre der AG war dies ferner ein unerwarteter Schock, der, ähnlich wie das Kind was einst auf die heiße Herdplatte fasste, einige Lehren mit sich brachte, um sich zukünftig nicht (mehr) die Finger zu verbrennen.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

Während das Management entschieden dementierte von dem Falsch-Geld (?) gewusst zu haben, drängte sich dem aufmerksamen Beobachter die Frage auf, ob es nicht seine Aufgabe sei, über solche Dinge informiert zu sein. Letztendlich war die Entscheidung zwischen Abstreiten und folglich einer Einstufung als ignorant und inkompetent oder bei Verwicklungen möglicherweise hinter Gitter zu wandern eine, zwischen Pest und Cholera. Zentrales Take Away: So abgedroschen es auch klingen mag, Kontrolle ist unerlässlich. Diese Erkenntnis lässt sich auch auf die private Vermögensverwaltung ausweiten, wo auch bei jahrelanger Erfahrung und „Bauchgefühl“ eine stetige Prüfung unerlässlich ist. Durch ein volatiles Umfeld und eine sich stetig im Wandel befindliche Wirtschaft (die durch die Corona-Pandemie wieder einmal verstärkt sichtbar wurde), muss in regelmäßigen Abständen geprüft werden, ob die aktuelle Vermögensallokation mit dieser kompatibel ist. Eine unregelmäßige Überwachung des Portfolios gepaart mit einem zu stark auf vergangene statt zukünftige Renditen ausgerichteter Fokus zählt einer Studie der Investmentberatung deVere (2017) zu den folgenschwersten Fehlern von Investoren. Wo unzureichende Kontrolle in großem Maße endet, zeigt der Fall Wirecard eindrucksvoll.

Demut vor der Komplexit

Was der Fall weiterhin zeigt: Prozesse sind komplex, involvieren eine Vielzahl von internen und externen Akteuren, Interessen und Faktoren. Um dieser Komplexität im Kontext der privaten Vermögensverwaltung gerecht zu werden, ist es zunächst hilfreich, sich einzugestehen, dass man sie in ihrer vollen Fülle möglicherweise nicht begreifen wird. Die Folge: Vorsicht, umfassende Information und keine Hals-über-Kopf-Entscheidungen. Letztere gehören, gepaart mit emotionalen Investmententscheidungen zu den häufigsten Hürden, mit denen sich private Anleger konfrontiert sehen. Die Devise: Bewusstsein und Wissen über das Unwissen.

Transparenz und Kommunikation

Verstehen steht am Anbeginn eines jeden Erfolgs. Um richtig entscheiden zu können, bedarf es zu nächst die Thematik in all ihrer Tiefe zu durchdringen. Da die Verwaltung mit wachsendem Vermögen auch mit wachsender Wahrscheinlichkeit in externe Hände gegeben wird, muss trotz aller Delegation bedacht werden, dass die Verwaltung stets im Auftrag, Sinne und bestmöglichem Interesse des Kunden erfolgt. Um diesen Zielen nachzukommen, bedarf es Transparenz und konstanter Kommunikation mit ihm. Für die private Vermögensverwaltung wird zumindest die Hürde mangelnder Kommunikation überwunden, es bedeutet jedoch auch, durch umfassende Informationssammlung und eine detaillierten Aufschlüsselung persönlicher Ziele für Transparenz zu sorgen. Vermögensverwaltung kann nur dann erfolgreich ihre Segel setzen, wenn klar ist, welches (langfristige) Ziel ansteuert wird.

No risk, no reward?

Wie heißt es so schön? Aus Fehlern lernt man. Was Wirecard uns lernen ließ: Risiko kann, muss aber nicht zwangsläufig von Erfolg gekrönt sein. Das Stichwort ist hierbei die Streuung der Risiken, die bei allen Wirecard Aktien in den Portfolios dieser Welt trotz Skandal und Schlagzeilen dafür sorgt, dass mit den zu Sommerbeginn verkündeten Neuigkeiten nicht das ganze Vermögen baden geht. Gemäß der eingangs erwähnten Statistik von deVere fiel eine unzureichende Diversifikation des Anlageportfolios fast einem Viertel der Befragten auf die Füße und belegte damit die Spitzenposition im Ranking der größten Investmentfehler. Um diese zu umgehen, erfolgt im Optimalfall eine detaillierte Aufschlüsselung des Portfolios, auf deren Grundlage zukünftige Investmententscheidungen fundiert getroffen werden können. Doch die Streuung der Risiken ist letztendlich die Summe aller Faktoren: stetige Informationssammlung, Anpassung an aktuelle Gegebenheiten und vor allem das Begreifen der Komplexität der Vermögensverwaltung.

Ob es nun der Mangel dieses Begreifens durch die Führungsriege von Wirecard war oder doch eine Kette von Faktoren, die sich auf den sonnigen Philippinen zuspitze, bleibt zu klären. Bis dahin hoffen wir, dass der Einbruch des Sommers zunächst das Einzige bleibt, was den DAX ins Schwitzen bringt…

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