PSD2 – was wurde aus dem Trauma der Finanzdienstleister?

Marla Korth

24. Juli 2020

916 Tage.

916 Tage sind vergangen, seit die Finanzwelt laut aufschrie, einige FinTechs sich lächelnd die Hände rieben und die BaFin ihr Fernglas rausholte, um mit verschärftem Blick über den deutschen Finanzmarkt zu wachen. Manch einer erinnert sich vielleicht an den Begriff, der unter Branchenkennern drohte, das Unwort des Jahres zu werden: PSD2.

Nun wird sich die Leserschaft an dieser Stelle vermutlich in zwei Lager spalten: Jene, denen es beim Lesen einen kalten Schauer über den Rücken jagt, und jene, die nun erstaunt und voller Fragen ihrem Bildschirm entgegenblicken. Für letztere ein kurzer Flash-Back in den Spätherbst des Jahres 2007, wo an einem dunklen Novembertag beschlossen wurde, einen Scheinwerfer auf das europäische Finanzsystem zu halten. Bis dato hatte hier jeder Mitgliedsstaat getan und gelassen, wonach ihm zumute war; der Zahlungsverkehr ähnelte einem bunten Süßwarenladen, in dem jeder nur das in sein Tütchen legte, was ihm und seinen lokalen Gegebenheiten am besten schmeckte. Die Folge: Ein Flickenteppich, der die Umsetzung gemeinsamer Projekte schwierig bis unmöglich machte. 2007 war folglich die Geburtsstunde von PSD1, einer Richtlinie mit dem Ziel der Harmonisierung und der Schaffung eines einheitlichen Rechtsrahmens, welcher wiederrum den Grundstein für uniforme Verfahren (damals noch SEPA) im EU-Raum legen sollte. Soweit so gut. 2015 also, 8 Jahre später und (nur) ein Jahr nach dem Start der SEPA-Standards (es dauerte tatsächlich 7 Jahre…), hatte sich die Finanzwelt deutlich weiterentwickelt, neue Akteure waren in den Markt getreten und überhaupt unterlagen Bedingungen und Umstände einer 180-Grad-Wende. Die Europäische Kommission sah sich nun mit einer Vielzahl neuer Dienstleister konfrontiert, die zwar scheinbar alle ein gemeinsames Ziel verfolgten (Kundengewinnung durch Steigerung des Kundennutzens), dies jedoch ohne ein gemeinsames Regelwerk taten. Und dann waren da noch die Banken, die ihre Kundendaten ängstlich umklammerten, und damit sowohl neuen Dienstleistern als auch dem ewig besungenen Kundennutzen einen gewaltigen Strich durch die Rechnung machten. Es folgte PSD2, die kleine Schwester ihrer Vorgängerin, die nun eine weitaus größere Aufgabe zu bewältigen hatte: Es ging um Innovation, erhöhte Kundensicherheit und Wettbewerb in einem unübersichtlichen und sich stetig wandelnden Feld. Gleichzeitig wirkte PSD2 auch wie ein feinmaschiges Netz, in dem all jene Fische hängen blieben, die die Auflagen der Richtlinie, die bis 2018 in nationales Recht der einzelnen Mitgliedsstaaten umgesetzt wurde, nicht erfüllten. Und was passiert mit den Banken, die ihre Konto- und Kundendaten einst so eifrig gehütet hatten? Für sie hieß es nun, die Tore für externe Dienstleister zu öffnen und ihnen Zugriff auf diese Informationen zu ermöglichen; vorausgesetzt der Kunde verlangt’s. Es ist zu ahnen: Begeisterung sah anders aus. Manch einer drohte bereits im Vorfeld mit der Abschaltung von Schnittstellen und als der Tag tatsächlich gekommen war und PSD2 endgültig starten sollte, wurde landesweit über Anzeigeprobleme, Fehler beim Login oder sogar die vollständige Abschaltung des Multibankings geklagt. Machten es die jungen FinTechs besser? Naja.

Doch es war nicht alles schlecht: Die im September 2019 implementierte Zwei-Faktor-Authentifizierung und der im Juli des selben Jahres durch die EBA veröffentlichte Leitfaden zur Meldung von Betrugsfällen scheinen (für ein tatsächliches Fazit ist es leider noch zu früh) die Sicherheit zu erhöhen, zumindest jedenfalls das Sicherheitsgefühl. Der im Vorfeld angeprangerte erhöhte Aufwand durch die Eingabe zweier unabhängiger Sicherheitsmerkmale durch den Kunden, ist in der Praxis weniger schlimm als erwartet; der Abruf des Fingerabdrucks oder der Face-ID des Kunden geht so schnell, dass es tatsächlich sehr kleinkariert wäre, in diesem Fall von einem nicht vertretbaren Aufwand zu sprechen. Der technische Fauxpas der Anfangsphase scheint überwunden und ein Jahr später lässt sich sagen: Auch wenn wir als Nutzer möglicherweise wenig bis gar nichts von der Öffnung der Schnittstellen mitbekommen (haben), so hat PSD2 vielen FinTechs das Leben um einiges leichter gemacht.

Wie steht es nun um die Förderung des Wettbewerbs im Markt? Die kurze Antwort: Im Markt hat sich tatsächlich etwas getan. Was genau sich tat? Die BaFin veröffentlichte bereits im November 2019, knappe zwei Jahre nach dem Start von PSD2 aber nur zwei Monate nach der Implementierung der zweiten Stufe, die hierzulande der voll spürbarste Schritt war, ihre Marktbeobachtungen. Schienen FinTechs in den vergangenen fünf Jahren auf dem gut gedüngten Feld digitaler und technikaffiner Kunden nur so aus dem Boden zu sprießen, so war es nur eine Frage der Zeit, bis sich die Reihen lichten würden. Das taten sie auch, allerdings war dies wohl kaum eine Frage von PSD2 sondern vielmehr eine Konsequenz natürlicher Selektion.

Diese ging sogar soweit, dass die BaFin die Faustregel vorlegte, pro Segment könne es nur einen geben, der mit ausreichend Kunden, ausreichend Investoren anziehe und auf diesem Wege eine konstante Spirale aus Finanzspritzen, Innovation und Wachstum in Gang setze. The Winner takes it all? Diese Annahme ist mitunter kritisch zu bewerten, da sie den Finanzmarkt als abgeschlossenes System unter eine Glasglocke stellt und einen nur sehr eingeschränkten Querschnitt der Realität liefert. Als Folge der Globalisierung findet eine Vernetzung, ganz offensichtlich, auch auf wirtschaftlicher Ebene statt; Player aus dem Ausland sind nicht nur Konkurrenten für lokale Anbieter, sondern auch Innovationstreiber, die einen konstanten Wettbewerb im heimischen Markt fordern und fördern. Könnten wir also tatsächlich nur einen einzigen deutschen Anbieter pro Segment vorweisen, würden wir nicht nur hilflos in das offene Maul des Löwen blicken, sondern müssten uns vor allem Sorgen um einen Innovationsstillstand machen, der sich aus mangelndem Wettbewerb ergibt.

Verstärkter Wettbewerb (der ja zentrale Zielsetzung von PSD2 war) zog zudem

  1. eine Konsolidierung der Anbieter nach sich (in deren Folge wir allerdings trotzdem mehr als ein FinTech pro Teilgebiet verzeichnen können) und forderte
  2. auch intensive Kooperation zwischen den Neulingen und alten Hasen. Warum? Ganz einfach: Die junge Generation hatte etwas (IT, API und viele andere Begriffe, deren Abkürzungen plötzlich in aller Munde waren) was der alten fehlte. Gleichzeitig verfügten die Etablierten über einen Kundenstamm, von dem jüngst gegründete FinTechs, deren Geschäftsmodelle noch so agil, lean und innovativ zu sein vermochten, nur träumen konnten. Synergieeffekte wirkten als wesentliche Treiber der Kooperation.

Wer nicht kooperierte und trotzdem weiterhin Bestand haben wollte, hatte nun zwei zentrale Mammut-Aufgaben zu lösen: Es galt sich zunächst auf eine Kundengruppe zu fokussieren, deren Bedürfnisse noch nicht (ausreichend) von anderen Anbietern erfüllt worden. Viele FinTechs wählten (zumindest laut BaFin) den Weg weg vom B2C und hin zum B2B. Schlussfolgerung: Sie hatten nicht mehr den scheinbar aussichtlosen David-gegen-Goliath-Kampf mit etablierten Finanzdienstleistern aufzunehmen, sondern reihten sich als Teil der Wertschöpfungskette in ihre Prozesse ein.

Wem das immer noch nicht passte, der definierte sich neu: Für die jungen FinTechs bedeutete dies der Fokus auf neue, vielversprechende Nischen (laut BaFin sind dies künstliche Intelligenz und Big Data); Banken hingegen behielten ihr Konzept bei, positionierten sich dank Marketing allerdings nun als lokaler, verständnisvoller Anbieter und gewannen so ihr wohl wichtigstes Asset: Das Vertrauen der Kunden. Insbesondere für den deutschen Markt, der auf Pfeilern von Regularien, Datenschutz und Misstrauen der Kunden ausländischen Anbietern gegenüber, eine stabile Basis gefunden zu haben scheint, war diese Strategie die wohl vielversprechendste.

Doch zurück zum Anfang: 916 Tage PSD2, was nehmen wir mit?

Im Markt tat sich tatsächlich etwas, wie viel davon allerdings auf PSD2 zurückzuführen und wie viel schlicht und ergreifend wirtschaftlichem Wettbewerbs- und Innovationsdruck zugrunde liegt ist fraglich. Für ein umfassendes Fazit ist es ferner noch zu früh, so viel allerdings ist klar: So schlimm, wie vermutet, ist es jedenfalls nicht.

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