Werk & Wert: Wie komplex sind Wertermittlungen im Kunstbereich und können neue Technologien mehr Transparenz schaffen?

Dr. Franziska Ida Neumann

13. Juli 2020

Es gibt eine große Unbekannte im Spiel um Kunst und Geld: Die Wertermittlung eines Kunstwerks. TV-Produktionen im In- und Ausland haben den Hype um die vermeintlich „geheimnisvollen“ Preisfindung längst erkannt. Shows wie „Bares für Rares“ erfreuen sich großer Beliebtheit und finden Ihren Höhepunkt in der Wertbenennung des jeweilig begutachteten Objektes. Die Experten scheinen dabei die Hüter des heiligen Marktwertgrals zu sein. Während der jährliche Art Market Report von UBS und ART BASEL Statistiken und Zahlenmaterial rund um den globalen Kunstmarkt publik und für jedermann zugänglich macht, kämpft die Branche nach wie vor mit dem Vorwurf der Intransparenz in Bezug auf die Marktwerte von Kunstobjekten. Viele Sammler und Investoren wünschen sich eine Transparenz ähnlich der Schwacke-Liste für Automobile. Die Digitalisierung ist dem Problem auf der Spur und bietet mittlerweile erste Lösungen für jedermann an. Doch wie exakt sind die neuesten Evaluationstechnologien aus den USA und Europa?

Dass öffentlich über Preise und Marktwerte gesprochen wird, ist in der Kunstbranche eher die Ausnahme. Die Ausnahme von der Ausnahme bilden die Schlagzeilen der großen Auktionshäuser, wenn Picasso & Co. erneut für einen Rekordpreis verkauft wurden. Dann erfährt die Öffentlichkeit, was Kunst kostet. Die Einschätzung von Marktwerten, so genannte Marktevaluationen, werden in der Regel von Galeristen, Auktionshäusern oder Kunstberatern mit Marktzugang vorgenommen. Die Wertermittlung erfolgt für Außenstehende nach schwer nachvollziehbaren Regeln und ist komplexer als der simple Vergleich zweier Ölgemälde mit gleichem Motiv und identischer Größe. Vielmehr werden unter anderem Werkphasen, die künstlerische Handschrift, die Marktfrische und der Zustand des Kunstwerkes zueinander in Beziehung gesetzt.

Weder Sammler noch Investoren wissen im Zweifel, was die Kunst wert ist, bevor sie diese kaufen oder verkaufen möchten, denn anders als im Handel fehlt an der Kunst einerseits oftmals das Preisschild und andererseits die entsprechende Möglichkeit, sich öffentlich zu informieren. Auch Erbengemeinschaften stehen vielfach vor dem Problem: Was ist die Kunst wert, die uns hinterlassen wurde? Versicherungen und Gerichte sehen sich oftmals der gleichen Herausforderung gegenüber. Was also tun, wenn Sie zum Beispiel eine Zweitmeinung zur bestehenden Wertermittlung einholen wollen oder wissen möchten, was das Kunstwerk über Ihrem Sofa, auf dem Dachboden Ihres Nachbarn oder der Lieblings-van-Gogh im Museum eigentlich wert ist?

Der Frage „What is it worth?” nachgehend hat die Digitalisierung in den letzten Jahren zwei Start-Ups auf den Markt gebracht, die die Instant-Bewertung von einzelnen Kunstobjekten per App anbieten: Mearto und ARTBnk. Beide Apps sind so genannte Multiservice Plattformen und bislang nur über den Apple Store oder die Website zu nutzen. Die Unternehmen bieten unter anderem an, den Wert eines Kunstobjekts anhand einiger Fotos und weniger zusätzlicher Angaben, die über ein Onlineformular eingespeist werden, binnen kurzer Zeit exakt ermitteln zu können. Was sich banal anhört, ist nichts weniger als die Revolutionierung des Kunstmarktes! Wissensvorsprünge von Galeristen, Auktionshäusern und Art Consultants im Bereich des Pricings würden auf ein Nichts zusammenschmelzen und legten die gut gehüteten Preisstrukturen einer ganzen Branche offen. Bislang kostet die Wertermittlung eines Kunstwerks durch einen renommierten Experten zwischen 500 und mehreren Tausend Euro, sofern ein Marktwertgutachten in Auftrag gegeben wurde. In Zukunft sollen also staatliche Institutionen, Unternehmen und Privatleute per Klick über das Smartphone valide Werte für nicht einmal 20 US-Dollar pro Objekt erfahren können? Wo ist da der Haken? Wo liegen die Nachteile und welche Service-App ist für den Endverbraucher wirklich empfehlenswert?

Mearto.com wurde 2015 in Kopenhagen, Dänemark, von Mads Hallas und Johan Laidlaw gegründet. Beide kommen aus der Tech-Szene, waren im Begriff private Sammlungen aufzubauen und getrieben von der Frage, was die Dinge, die sie sammelten, wert sind. Im Gegensatz zur amerikanischen Vergleichsplattform ARTBnk arbeitet Mearto.com nicht allein mit computergesteuerten Algorithmen oder künstlicher Intelligenz (KI), um Marktwerte benennen zu können. Neben den gesammelten und online verfügbaren Daten vergangener Auktionsergebnisse setzen die Dänen auf eine Kombination aus KI und menschlichem Knowhow. Freiberufliche Mitarbeiter von Galerien und Auktionshäusern ergänzen die auf technischem Datenmaterial basierenden Einschätzungen mit ihrem Wissen, bevor die finale Evaluation an den Kunden versandt wird. Auf Mearto.com können Interessenten Bücher, Schmuck, Kunst, Mobiliar, Designobjekte, Uhren, Weine, Oldtimer und vieles Weitere für 19 US-Dollar pro Objekt binnen 48 Stunden schätzen lassen. Gegen einen Aufpreis ist das Resultat auch in 24 Stunden verfügbar. Die auf der Plattform geschätzten Werke liegen im niedrigen bis mittelpreisigen Segment. Die Wertangaben gelten unter der Annahme, dass es sich bei den zu schätzenden Werken um Originale handelt und geben einen unteren sowie einen oberen Schätzrahmen an, ohne sich auf einen konkreten Preis festzulegen. Das ist insofern absolut in Ordnung, als dass die Einschätzung eines Marktwertes immer nur eine grobe Orientierungshilfe sein kann. Letztendlich kommt es darauf an, wie gut Sie das Kunstwerk am Markt platzieren können oder wer der Käufer sein wird.

Dass eine Reihe von Investoren an den Erfolg von Hallas und Laidlaw glauben, zeigt die Liste finanzieller Unterstützer von PreSeed Ventures über Bumble Ventures bis hin zu Seier Capital. Der dänische Investor Lars Seier Christensen stieg 2016 in das Unternehmen ein. Ein finanzielles Schwergewicht der ganz anderen Art ist seit 2019 Vorstand beim amerikanischen Konkurrenten ARTBnk: Asher Edelman. Der New Yorker Finanztycoon mit Hang zum Kunstinvestment mag vielen besser bekannt sein als der von Michael Douglas 1987 in Wall Street verkörperte Gordon Gekko, für den er die Filmvorlage lieferte. Edelman stieg in das Unternehmen ein als die App von der Beta- in die Alpha-Phase wechselte. ARTBnk, gegründet 2017 von Jamie Lafleur, bezeichnet sich selbst als möglichen „Gamechanger“ auf dem Kunstmarkt und ist ebenso wie der dänische Konkurrent ein Multiservice Tool im Bereich Wertanalyse. Anders als die Dänen fokussiert sich ARTbnk allein auf die Nutzung künstlicher Intelligenz und greift auf ausgewertete Daten von Auktionsergebnissen vergleichbarer Werke und die individuelle Marktperformance einzelner Künstler zurück, um Aussagen über den aktuellen Marktwert zu treffen. Derzeit können die Preise von 400 verschiedenen Künstlern abgefragt werden. Das Tool setzt im High-End-Bereich des Marktes an. Auch hier soll ein Foto des Kunstwerks, Angaben zur Provenienz, Größe und zum Material genügen, um binnen weniger Minuten einen validen Preis abzurufen. Das Preismodell bedient sowohl individuelle Anfragen sowie Paketpreise für Sammler und professionelle Kunstmarktteilnehmer. Die Evaluationen kosten zwischen 30 und 50 US-Dollar pro Kunstwerk.

Neben Asher Edelman gehört auch Michael Moses zur Führungsriege des Tech-Start-ups, das heute 20 Mitarbeiter hat. Moses ist ebenso kein Unbekannter in der Kunstbranche und Namensgeber für den Sotheby’s Mei Moses Index. Er ist Professor an der New York University und analysiert seit Jahren die An- und Verkäufe am Kunstmarkt. Sowohl Moses als auch Edelman nutzen ihr weites Kontaktnetzwerk, um ARTBnk in der Szene zu verankern und bekannt zu machen.

Der Vorteil der KI-gesteuerten Wertanalyse ist gleichzeitig auch ihr größtes Problem. Während computergestützte Algorithmen binnen Sekunden zu rechnerisch soliden Ergebnissen kommen, ist die technische Struktur dabei aber gleichzeitig starr und kann nicht auf kurzfristige Bewegungen im Markt wie z.B. auf den Galeriewechsel eines Künstlers reagieren. Marktkenner wissen, dass ein solcher Wechsel die Preise innerhalb kurzer Zeit für bestimmte Kunstwerke anziehen lässt. Das Computerprogramm erkennt den Trend im Zweifel erst ab der nächsten Auktionssaison. Des Weiteren fließen die Umsätze unregistrierter Private Sales (Privatverkäufe) nicht in die Wertanalyse mit ein. Ein gut informierter Kunstberater weiß, dass es Preisunterschiede zwischen dem Auktionsmarkt und dem Bereich der Private Sales, in dem Marktpreise vielfach höher liegen, gibt. Ein Beispiel für diesen Umstand sind die Arbeiten des deutschen Künstlers Markus Lüpertz. Lüpertz hat einen ausgesprochen schwachen Auktionsmarkt, wird aber auf internationalen Messen von Top-Galerien gehandelt. Er gehört zu den bekanntesten Künstlern Deutschlands. Die Ergebnisse der Auktionslisten missinterpretieren diesen Erfolg.

Dass sich Marktwerte von Kunstwerken anhand von Fotografien ohne Probleme schätzen lassen, ist ein weit verbreiteter Irrtum, der mit der ärztlichen Ferndiagnose per Google-Suchmaschine vergleichbar ist. Nicht umsonst bestehen Experten darauf, die Kunst bzw. den Patienten im Original zu sehen, bevor sie eine Einschätzung abgeben. Fotografien verfälschen oftmals den Zustand eines Objektes, zeigen keine Details der Arbeit und bei besonders schlechter Qualität der Abbildung lässt sich so nicht einmal ein Poster von einem Ölgemälde unterscheiden. Aus diesem Grunde gilt auch bei E-Mail-Evaluationen von Auktionshäusern, dass die Vorabschätzungen erst belastbar sind, nachdem das Original den Eindruck auf dem Foto vor Ort bestätigt hat.

Für wen also sind die beiden Onlineangebote zur Wertanalyse empfehlenswert? Wer als Sammler oder Kunstmarktexperte eine Echtzeitevaluation aus dem Blue-Chip-Segment und High-End-Kunstbereich binnen weniger Minuten auf dem Smartphone verfügbar haben möchte, um entweder schnelle Entscheidungen zu treffen oder eine Zweitmeinung einzuholen, dem sei die ARTBnk App empfohlen. Mearto.com dagegen eignet sich in der derzeitigen Ausführung eher für ein breites Publikum und einen nicht auf den Kunstmarkt spezialisierten Endverbraucher. Die Bewertung unterschiedlichster Objektklassen im unteren Preissegment bieten die Möglichkeit, klassische Flohmarktfunde oder den geerbten Hausstand einer ersten Bewertung zu unterziehen.

Es geht voran in Sachen Transparenz auf dem Kunstmarkt. Die neuen Apps schaffen durch die sofortige Verfügbarkeit von Wertanalysen und den schnellen Zugriff für jedermann eine besser nachvollziehbare Preisstruktur, die der Markt bislang vermissen ließ. Die technologiebasierte Markteinschätzung ist eine richtungsweisende Stütze in Bezug auf die Ermittlung des aktuellen Wertes eines Kunstobjektes. Die Konsultation eines Kunstexperten sei an dieser Stelle jedoch zusätzlich angeraten, bevor Sie über Veräußerungen oder Ankauf nachdenken.

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