The Banking and the Beast – das Märchen einer weltweiten Pandemie und wie sich die Finanzbranche nach einem Happy End sehnt

Marla Korth

25. Mai 2020

Es war einmal, vor nicht allzu langer Zeit in einem nicht allzu fernen Land, als sich der Himmel über dem Schlaraffenland zuzog und ein Sturm nahte, so düster und regnerisch, wie er noch nie zuvor gesehen ward.

Das Land, in dem Milch und Honig fließen, hatte ein paar gute Jahre erlebt; es hatte ein konstantes Wirtschaftswachstum verzeichnen können, die nationale Automobilbranche boomte trotz diverser Skandale und der nationale Schatzmeister hatte zuletzt stolz verkündet, dass nun im sechsten Jahr in Folge die berühmte schwarze Null gewahrt worden war. Die Bewohner des Landes hatten applaudiert und gejubelt, das große Gewitter von 2008, das besonders in den südlichen Teilen schwere Verwüstungen angerichtet hatte, schien überwunden und die Königin hatte Recht gehabt, als sie gebetsmühlenartig einen Satz wiederholte: Sie hatten es geschafft.

Das Grollen des nun nahenden Gewitters war bereits im November in weiter Ferne zu vernehmen gewesen, jedoch hatte sich hierzu niemand Sorgen gemacht, schließlich waren Sie sicher hinter den hohen Mauern des Schlosses. Doch, und so beginnt wohl jedes Märchen, es kam alles anders.

Von den Brotkrumen auf dem Weg zum Lebkuchenhaus

Hatte sich das Land lange Zeit als unverwundbar gesehen („Eine Pandemie ist zu diesem Zeitpunkt sehr unwahrscheinlich“), so zog nun zu Beginn des Jahres auch der Himmel über Europa zu. Doch die Regierungen wurden sich den Gefahren erst bewusst, als sie den sprichwörtlichen Brotkrumen bis an das Lebkuchenhaus gefolgt waren und nun vor dem Ofen der bösen Hexe standen, die Hitze der Flammen bereits im Gesicht. Angekommen war der Sturm nun einem naheliegenden Land, wo neben Milch und Honig auch Hochprozentiges fließt, ein beliebtes Urlaubsziel im verschneiten Ischgl.

Wie in jeder großen Krise, gilt es zunächst die Verantwortlichen zu identifizieren und so wurde diesen, neben dem politischen Sektor auch bei den Banken verortet. Waren die Prognosen anderer betroffener Länder, wie beispielsweise den USA, düster und sagten voraus, dass nahezu ein Viertel der dort ansässigen Kleinunternehmen unter den Lasten des wütenden Sturms zusammenbrechen würden, so hielt sich unsere Regierung zwar besorgt aber vorsichtig optimistisch. Jedoch zogen sie auch die Finanzbranche mit in ihre Verantwortung, war sie doch eine der wenigen, die in der aktuellen Ungewissheit zumindest für einen gewissen Grad an Stabilität sorgen konnte. Neben Kunden zur Verfügung gestellten Dienstleistungen lag das besondere Augenmerk hier auf den vergebenen Krediten, denen eine unersetzliche Rolle im Spiel des funktionierenden Wirtschaftskreislaufs zugeschrieben wurde. Aus diesem schienen nun nach und nach eine Vielzahl der Akteure auszuscheiden und es war ihre Aufgabe, auf lange Sicht weiterhin viele Teilnehmer im Spiel zu halten.

Und der süße Brei kochte und kochte

Doch ähnlich wie auch der süße Brei im Märchen der Gebrüder Grimm, war der Sturm nicht aufzuhalten: Es fehlte zwar nicht, wie in der Geschichte, an einem passenden Zauberspruch, sondern an einer Impfung, die die Ausbreitung eindämmen und verhindern sollte, dass die weltweite Wirtschaft nur noch auf Sparflamme lief.

Als sich im benachbarten Königreich, einer Insel auf der anderen Seite des Ärmelkanals, der blonde Prinz selbst an der Spindel stach und in einen zweiwöchigen Corona-Schlaf fiel, war das Bewusstsein für die Ernsthaftigkeit der Lage endgültig in Europa angekommen. Seine Minister arbeiteten weiterhin auf Hochtouren daran, den nationalen Finanzkreislauf am Laufen zu halten. Der staatliche Finanzbedarf der Regierung stieg, das Finanzministerium erhöhte den Dispo bei der Bank of England, zunächst zumindest ohne öffentlich angekündigte Obergrenze. Begründung: Auf diese Weise werde dem Staat kurzfristig Liquidität zur Verfügung gestellt, notwendig um weiterhin zu einer normalen Funktion der Märkte beizutragen. Doch die britischen Banken gerieten verstärkt unter Druck, sowohl von innen als auch von außen. Von der Regierung angekündigte Rettungskredite wurden nur zähneknirschend bewilligt, schließlich sorgt die nahende Rezession bereits für Kopfschmerzen und die Aufnahme neuer Risiken wurde intern nur ungern gesehen. Der Staat garantierte zudem, im Gegensatz zu Deutschland, in ihren Überbrückungskrediten aus Angst vor Betrug nur 80%, was bei Barclays und Co. für Schweißperlen und schlaflose Nächte sorgte. Nach deutschem Vorbild überlegt Großbritanniens Regierung nun, für Kredite bis zu 25.000€ eine Ausnahmeregelung zu verabschieden, 100% zu garantieren und den Zugang zu liquiden Mitteln für die Bevölkerung auf diese Weise zu erleichtern. Doch Herausforderungen kommen selten allein, insbesondere in Krisenzeiten, und so stufte die Ratingagentur S&P vergangene Woche zahlreiche britische Banken herab; in der hitzigen Situation ein weiterer Tropfen auf den heißen Stein.

Großmutter, warum hast Du so große Zähne?

Doch die Gefahren, in die sich viele Banken selbst hineinmanövriert hatten, wurden ihnen teilweise erst bewusst, als sie bereits kopfüber im Maul des Wolfes steckten. Sämtliche Risikomodelle stammen aus einer Pre-Pandemie-Welt fern von Corona und Stillstand und konnten der neuen Situation folglich kaum gerecht werden. Kritiker bemängelten nun auch, dass sämtliche Risk-Assesment Berechnung auf der Basis historischer Daten durchgeführt würden und dank mangelnder Integration aktueller Technologien, wie beispielsweise Machine Learning, auch nicht flexibel genug seien, um in einer so schnelllebigen und unvorhergesehenen Situation weiterhin verlässliche Ergebnisse zu liefern. Aus der Situation heraus griffen nun viele zu Maßnahmen, die nachträglich nur Öl ins Feuer gossen, da sie zwar die kurzfristigen Bedürfnisse der Banken stillten, ihnen auf lange Sicht jedoch selbst ein Bein stellten: Bei einigen Institutionen ersetzten Expertenmeinungen nun Modellberechnungen (die ja, wie bereits erwähnt, auch nicht anwendbar waren), fingen auf diese Weise allerdings nur einen Bruchteil des Abbilds ein und sahen sich nun neben Unvollständigkeit auch mit Subjektivität und individuellen Interessen der jeweiligen Experten konfrontiert. Es mangelte folglich nicht nur an Perspektive, sondern auch an einem detaillierten Schlachtplan, wie den Herausforderungen heute und auch zukünftig begegnet werden sollte.

Der Prinz auf dem weißen Pferd – nahende Rettung oder Wunschtraum?

Einem pastellfarbenen Wunschtraum nach, könnten aus der Krise zentrale Lehren gezogen werden und die Kundenerfahrung als Antwort auf die aktuelle Pandemie angepasst und optimiert werden. McKinsey schlug in seinem European Private Banking Report im April vor, zukünftig den Kunden in den Mittelpunkt der Bankenaktivitäten zu stellen, sei er schließlich derjenige, der am meisten unter der aktuellen Ungewissheit und der Lock-Down-Wirtschaft leide. Der Vorschlag scheint auf den ersten Blick nicht neu zu sein und reiht sich in eine Reihe von Maßnahmen ein, die Finanzinstitutionen bereits seit Jahren nahegelegt werden. Doch umgesetzt werden diese meistens erst dann, wenn sich die Institutionen selbst in die Ecke der Alternativlosigkeit gedrängt sehen. Sinkende Eigenkapitalrenditen befeuern nun die intrinsische Motivation vieler Banken, etwas, auch wenn es dieses noch genauer zu determinieren gilt, an den bisherigen Strukturen zu ändern, die Corona nun so munter durcheinanderwürfelte. Plädieren die eine für die Implementierung neuer Risikomodelle, werden immer mehr Stimmen laut, die für eine tiefgreifende Restrukturierung der Branche plädieren. Diese ist vor allem durch eine 180 Grad Wende der Kundenbedürfnisse begründet, ein Prozess, den viele zwar kommen sahen, jedoch nicht schlagartig und innerhalb weniger Monate erwarteten. Einer aktuellen Studie zufolge stieg das „digital engagement“ von Bankkunden seit Beginn der Pandemie um 20%, 30-40% von ihnen haben das Bedürfnis nach einer weitreichenderen Beratung und die Nutzung von Bargeld hat sich halbiert. Innerhalb einiger Wochen schritten wir der Zukunft um mehrere Jahre entgegen; ein Prozess, der im Finanzsektor jede Menge Staub aufwirbelte. Damit Banken nun auch zukünftig in der aktuell etwas trüben Wirtschafts-Brühe mitmischen können, gilt es also, ihre Kunden auch auf anderen Kanälen als dem Kronleuchter bestückten Büro zu erreichen. Innovation, Flexibilität und Digitalwirtschaft werden den zukünftigen Erfolg der Branche entscheiden. McKinsey gab in seinem Report zudem zu verstehen, dass das Risiko ähnlicher Vorfälle für die Zukunft steige, ein Kostentreiber für die ohnehin schon angeschlagene Wirtschaft. Es gilt folglich nun, eine klarere und kosteneffizientere Struktur zu schaffen, um erhöhte Risikokosten zu kompensieren und diese nicht an den Endkunden zu überführen.

Doch die wichtigste aller Erkenntnisse ist überraschenderweise nicht neu und trotzdem wohl die entscheidendste: Es geht um eine digitale Zukunft, eine, die Start-Ups und FinTechs mit ihren „lean, agile and innovative“ Strukturen schon lange vormachen und eine, die über das Bestehen oder die digitale Disruption des Sektors entscheiden wird.

Wie das Märchen vom großen Gewitter also ausgeht? Klar ist, dass der Prinz auf dem weißen Pferd wohl noch eine Weile auf sich warten lassen könnte. Während die Finanzbranche sich also schweißgebadet nach einem Happy End sehnt, übersieht sie womöglich das Offensichtlichste: In ihrer Hand liegt der Zauberstab, mit dem sie sich selbst retten kann. Dazu braucht es weder Glitzer noch Feenstaub, sondern lediglich Mut, Motivation und ein bisschen Machine Learning.

The End.

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