Von Burgern, Börse und Banken: was ein Gemüsebratling dem Finanzsektor lehrte

Marla Korth

10. Juni 2019

„Fleisch ist mein Gemüse“ – für wohl wenig ist der Deutsche im Ausland so bekannt wie für die Bratwurst, traditionell mit einer Maß Bier und allen Klischees zufolge stets im Dirndl oder Lederhosen serviert. Im Durchschnitt kommen jährlich 60 Kilogramm Fleisch auf den deutschen Teller, wobei Männer mit über 100 Kilogramm Konsum in nahezu der Hälfte des Landes diesen Wert deutlich nach oben drücken. Bei Betrachtung dieser Zahlen stehen nicht nur ethische sondern auch umweltpolitische Fragestellungen im Raum, hat schließlich kaum ein Lebensmittel so einen schlechten ökologischen Fußabruck wie Fleisch. Dieser Probleamtik hat sich vor zehn Jahren das kalifornische Start-up „Beyond Meat“ angenommen, die mit ihrem mittlerweile 250-köpfigen Team neben vegangen Burgern auch das vegetarische Pendant zu Bratwurst und Hackfleisch vermarkten. Das Ziel: Den Fleischfresser in uns zu überzeugen, dass die Zukunft veggie ist.

„Ein ambitioniertes Projekt“, dachten sich wohl auch namenhafte Investmentbanken mit hochgezogener Augenbraue, als das Unternehmen aus dem „golden state“ verkündete, sich nun neben Apple und Co. an der amerikanischen Börse einzureihen.

Begleitet wurde der IPO von den Schwergewichten der Wall Street – JP Morgan, Goldman Sachs und Bank of America- , die die Beyond-Meat-Aktien für 25 Dollar pro Stück platzierten, wohl davon ausgehend, dass das Interesse für das fleischlose Fleisch sich erst noch entwickeln müsse. Dass sie mit dieser Einschätzung jedoch fernab der Realität lagen, zeigte die Kursentwicklung des Newcomers, die aktuell mit nahezu 170 Dollarn ihr Hoch verzeichnet und und vergangene Nacht mit einem Wachstum von fast 160% schloss. Für obige Investmentbanken entstand zumindest ein kleiner Kratzer im Image, hatten sie auf diesem Wege wohl ihre zentrale Aufgabe verfehlt, die Interessen des Unternehmens und der Aktionäre auszubalancieren und einen fairen Emissionspreis zu entwickeln. Zumindest letztere konnten die Vervierfachung im Handelspreis freudig wahrnehmen und schlussendlich proftierte auch Beyond Meat von nahezu allumfassender Medienpräsenz und daraus resultierender Prominenz.

Nichsdetotrotz wurden Stimmen laut, dass jene, die sich auf die Fahnen geschrieben haben, uns besser zu kennen, als wir uns selbst und unsere zukünftigen Wünsche und Interessen in geldmäßigen Wert bemessen zu können, dies eben doch nicht können. Es scheint, als sei die Welt bereit für einen Wandel, der von denjenigen, die ihn zu leiten vermögen, noch nicht wahrgenommen wurde. Matcha Latte, Chia-Pudding, Acai-Bowl und nun eben ein scheinbar unauffälliger Gemüsebratling, scheinen Boten eines Wertewandels zu sein, der weiter reicht als nur bis in unsere Mägen.

Auch in der Finanzbranche ist jünst immer wieder von „disruptiven Technologien“ zu hören, die den Bankensektor, wie wir ihn heute kennen, im nächsten Jahrzehnt ersetzen oder zumindest tiefgründig revolutionieren werden.
Ist der vegane Burger also nicht nur lecker, sondern auch lehrreich? Und welche Parallelen lassen sich zwischen einem Hipster-Hype-Lebensmittel, dass marktingtechnisch wohl eher bei Jutebeuteln und Birkenstock-Sandalen anzusiedeln ist, und der Branche ziehen, deren Anhängern oftmals nachgesagt wird, kein einziges Kleidungsstück ohne Kragen zu besitzen?

Never underestimate your opponent

„Unterschätze niemals Deinen Feind“, lautet eine alte Kämpfermoral.

Dass sich Banken und FinTechs nicht verfeindet gegenüberstehen, vielmehr jedoch voneinander profitieren können und sollten, haben zahlreiche Kooperationen und ihr Erfolg ausreichend bewiesen. Während die einen jene Technologien bereitstellen, die im Zeitalter der Digitalisierung einen Mehrwert für den Kunden schaffen, oftmals sogar von ihm gefordert werden, wird Banken größtenteils immer noch ein hohes Vertrauen entgegengebracht. Menschliche Beratung kann maschinell nicht ersetzt, jedoch optimiert werden.

Schlimmstenfalls führt die Unterschätzung der Relevanz neuer Technologien und Produkte nicht nur zu einem kleinen Schönheitsfehler im Image, wie im amerikanischen Burger-Börse-Kontext geschehen, sondern ist existentiell.

Know your customer

„Kenne Deinen Kunden“ ist heutzutage nicht mehr nur eine Marketing-Floskel, sie kann Unternehmen, egal wie lange sie schon im Markt mitspielen, immer wieder auf das Wesentliche hinweisen: Letzendlich sind es die Abnehmer, die über den Erfolg oder Misserfolg einer Unternehmung entscheiden und zeitgleich wandelt sich aktuell kaum etwas so sehr wie die Werte und Bedürfnisse ebendieser Zielgruppe. Insbesondere „die Jugend von heute“, für die einen faul, antriebs- und perspektivlos, für die anderen grün, ambitoniert und meinungsstark, scheint für wirtschaftliche Akteure eine regelrechte Black Box zu sein.

Auch für etablierte Banken scheint die Akquise der jungen Kundengruppe in Anbetracht digitaler Konkurrenz, die Banking im Hosentaschenformat bietet, ein unüberwindbares Hindernis zu sein.

Anstatt die Digitalisierung jedoch zu negieren und zu warten, dass der Kelch vorüberzieht, müssen Herausforderungen erkannt und mögliche Lösungsansätze herausgearbeitet werden. White Labeling Angebote bieten auch traditionellen Bankhäusern die Möglichkeit zur Implementireung digitaler Tools und legen den Fokus dank Zeitersparnis, minimiertem Arbeitsaufwand und Konzentration auf das Wesentliche, verstärkt auf den Kunden.

Das Mysterium des Kunden ist leichter zu lüften als gedacht, überschneiden sich seine Interessen in puncto Finance und Banking mit jenen, die er auch in anderen Lebensbereichen an den Tag legt: Flexibilität, Verfügbarkeit, Schnelligkeit und Individualisierung. All diese Eigenschaften können durch den Einsatz digitaler Technologien garantiert, mindestens jedoch im Vergleich zum herkömmlichen Bankengeschäft optimiert werden.

It‘;s all about the ingredients

Was uns das Beispiel rund um Beyond Meat außerdem lehrte? Anscheinend wirft der gebildetet Millenial hin und wieder einen Blick aufs Kleingedruckte, liest Nährwertangeben und achtet neben Gluten, Laktose und Geschmacksverstärkern auch auf die moralischen Inhaltsstoffe. Im Zeitalter von Google und Co. ist schnell herausgefunden, was hinter ominösen Kürzeln für Zusatzstoffe steckt und ob die Konkurrenz nicht vielleicht ein weniger industriell verarbeitetes Substitut bietet.

Steigende Transparenz setzt in nahezu jeder Branche Anbieter unter Druck, optimiert jedoch langfristig Kundennutzen. Auch Finanzdienstleister, egal ob digital oder analog, sind nun in der Pflicht, „moralische“ Hindernisse aus dem Weg zu räumen und „industrielle Verarbeitung“ zu minimieren. Heißt: Fallstricke und Fallen sind schnell identifiziert und noch schneller im World Wide Web verbreitet.

„Handmade“ ist das neue „Tiefgekühlt“ – nicht jeder Kunde hat identische Interessen und Anforderungen, weshalb Produkte individualiert und auf den Interessenten angepasst werden müssen. Dies erscheint beginnend weder profitabel noch realisierbar, bildet langfristig jedoch Vertrauen und bindet den Kunden an den Dienstleister. Zufriedene Kunden kommen nicht nur wieder, sie akquirieren oftmals auch weitere Klienten und tragen somit zum Ausbau der Kundenbasis bei.

The winner takes it all

Die Moral von der Geschicht‘: Im Falle von Beyond Meat waren es digitale Anbieter wie Gourmondo, die vom Faux-Pas der Supermärkte, in Folge unterschätzten Interesses viel zu wenig Burger-Patties anzubieten, profitierten.

LIDL nahm als erster deutscher Discounter die fleischlose Alternative in ihr Sortiment auf, musste jedoch im Großteil der Filialen feststellen, dass sie bereits wenige Minuten nach Ladenöffnung ausverkauft waren. Unzufrieden und hungrig begaben sich Kunden nun auf die Suche nach alternativen Lieferanten und trieben auf diese Weise die Verkäufe von Online-Lebensmittelhändlern in die Höhe.

Die hohe zeitliche und räumliche Verfügbarkeit beeinflusst die Attraktivität digitaler Anbieter immens und befriedigt Kundenbedürfnisse. Der Bankingsektor, wie wir ihn heute kennen, wird nicht verschwinden, wenn er sich des Wandels bewusst ist und Wege herausarbeitet, diesem entgegenzutreten.

The change is the challenge oder wie es am Tag des IPOs von Beyond Meat so schön hieß: „Veggie is the new Tech.“

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