Animal Spirits – Wie unser inneres Tier die Konjunktur aufwühlt

Marla Korth

15. November 2018

Konjunkturelle Schwankungen, die, wie 2008 geschehen, in Finanzkrisen großen Ausmaßes gipfeln können, hinterlassen, neben gemindertem Vertrauen in den Bankensektor und alle, die ihm angehören, auch stets eine große Frage: Warum?

Im Falle der Weltwirtschaftkrise 2008 wurde auf diese Frage eine ausführliche Antwort gefunden und umfassend erörtert. Nichtsdestotrotz liegen die Ursprünge meist weit unter der Oberfläche, um sich an der Eisberg-Metapher zu orientieren. Denn oftmals sind diejenigen, die als Hauptauslöser sämtlicher Krisen und konjunktureller Einbrüche defininiert werden, nur eine logische Folge dessen, was sich über Jahre an der Basis des Eisbergs anstaute.

John Maynard Keynes, einer der bedeutensten Ökonomen des 20. Jahrhunderts und Namensgeber des Keynesianismus, defnierte in seiner 1936 veröffentlichten „Allgemeinen Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes“ zum ersten Mal die sogenannten Animal Spirits:

„[…] there is the instability due to the characteristic of human nature that a large proportion of our positive activities depend on spontaneous optimism rather than mathematical expectations.&“

Animal Spirits („animalische Instinkte&“) sind demzufolge das Wirtschaftsgeschehen beinflussende Elemente, die keinem rationalen Muster folgen, sondern aus der Individualität des Einzelnen resultieren. Der Term beschreibt unter anderem Emotionen, Instinkte oder Urtriebe, wie beispielsweise Herdenverhalten, welche konjunkturelle Schwankungen hervorrufen und weitere spürbare Fußabdrücke in der Konjunktur hinterlassen können.

Keynes´ zitierte Publikation war ein später Erklärungsversuch der Großen Depression von 1929, deren Ursprünge Öknomen in der Vergangenheit verzweifelt versucht hatten zu erörtern.

Über 70 Jahre später stand nun die nächste Finanzkrise ins Haus, deren Aufkommen jedoch lediglich die Folge einer bis dato immens wachsenden und logisch nachvollziehbaren Immobilienblase war. Trotzdessen haben sich in über einem halben Jahrhundert Änderungen ergeben, welchen Konzepte aus Vergangenheit nicht immer gerecht werden.

Unter diesem Gesichtspunkt veröffentlichten 2009 zwei der bedeutensten Ökonomen des 21. Jahrhunderts ein Statement, laut welchem aktuelle makroökonomische Empfehlungen der heutigen Situation nicht mehr gerecht würden und letzendlich zu mangelhaften oder gar falschen Politikempfehlungen führten. Die Konsequenzen lassen beide Experten bewusst offen, jedoch stets mit bewusstem Fingerzeig auf die Wall Street im Jahre 2008.

George Akerlof erhielt 2001 den Ökonomie-Nobelpreis, sein Co-Autor Robert Shiller erlangte mit der frühzeitigen Warnung vor dem Platzen der Immobilienblase Weltruhm. In ihrem gemeinsamen Buch Animal Spirits. How Human Psychology Drives the Economy, and Why It Matters for Global Capitalism arbeiten sie zentrale Animal Spirits heraus, irrationale Elemente im wirtschaftlichen Kontext, welche in der Natur der Menschheit verankert und aus diesem Grund nicht oder nur sehr schwer vermeidbar sind. Sie destillieren fünf Ausdrucksformen an Spirits heraus, welcher sich die Mehrheit menschlicher irrationaler Handlungen unterordnen lassen:

  1. Vertrauen

Wem vertrauen wir? Und vor allem: wieso? Auf diese Frage lässt sich keine rationale Antwort finden, zeigen Beispiele aus der Praxis schließlich täglich, wie anfällig das Vertrauen, das wir anderen schenken, für Täuschungen ist. Firmen ziehen Schauspielern in Werbespots nicht umsonst weiße Kittel über und lassen sie als „Dr. X, Zahnmediziner seit 15 Jahren“ Elmex und Co. bewerben. Schließlich ist ein Schaupieler im Arztkittel glaubwürdiger als einer ohne.

  1. Fairness

Jeder von uns hat seine individuelle Einstellung bezüglicht der Fairness oder Unfairness, mit der er anderen begegnet und begegnen möchte. In Folge dessen schätzt auch jeder Ereignisse oder Handlungen seiner Mitmenschen anders ein und kategorisiert sie nach Gerechtigkeit. Dass diese Kategorisierung ebenfalls keinem einheitlichen und vor allem rationalen Muster folgt, liegt in der Natur der Individualität jedes Einzelnen.

  1. Korruption und unmoralisches Verhalten

Korruption und unmoralisches Verhalten sind vermutlich beides Handlungen, die die Mehrheit von uns instinktiv als „anmalisch“ bezeichnen würden. Gesteuert vom Streben nach immer mehr; Macht, Geld, Ruhm; lassen wir uns dazu hinreißen Dinge zu tun, die moralisch verwerflich, zumindest jedoch bedenklich sind. Eine rationale Erklärung für dieses Verhaltensmuster sucht man vergeblich.

  1. Geldillusion

Unwissen fördert Täuschungen. Manchmal wollen wir uns aber auch täuschen lassen.
Heutzutage unterliegen viele der Illusion, die Inflation sei ein Phänomen vom Anfang des 20. Jahrunderts und wir heutezutage vor ihr gefeit. Das dem nicht so ist, bestätigen Wirtschaftsexperten immer wieder. Auch wenn es unangenhem und vielleicht manchmal anstrengend ist: Ein Blick hinter die Fassade lohnt sich, um solchen Geldillusionen nicht zu erliegen (und somit vielleicht rechtzeitig notwendige Schritte einzuleiten).

  1. Geschichten

Der Freund der Cousine vom Bruder von Tante Erna hat Millionen an der Börse verdient, weil er sein gesamtes Vermögen auf eine einzige Aktie setzte? Die spontane erste Reaktion: Ich will auch! Letzendlich sind es immer wieder die Erfolgsgeschichten einzlener, die uns, in dem Wunsch ihrem Weg zu folgen, dazu bringen, rational betrachtet, bedenkliche Pfade einzuschlagen. Zweifelsohne sinkt der Informationsgehalt solcher „Vom Tellerwäscher zum Millionär“-Geschichten auch aufgrund der langen Kommunikationswege…

Die Beschreibung der Ursachen finanzieller Ereignisse richtet sich demnach nicht mehr nur ausschließlich auf mathemathische Berechnungen sondern betrachtet zusätztlich Treiber menschlichen Handelns und ermöglicht so eine umfassendere Analyse

„In modernen Makro-Modellen unterstellen Forscher stets, dass Menschen rational agieren und nur ihre ökonomischen Interessen im Sinn haben. Nicht-ökonomische Motive und irrationale Verhaltensweisen haben keinen Platz in den Modellen.“

(Quelle: https://www.handelsblatt.com/politik/konjunktur/oekonomie/wissenswert/animal-spirits-der-teure-irrtum-der-makrooekonomie/3117616-all.html)

Dass sie diesen Platz jedoch zwingend brauchen, zeigen Ereignisse der jüngsten Vergangenheit. Der erste Schritt ist jedoch, sich ihrer bewusst zu sein und sie identifizieren zu können.

Doch nicht nur für das große Ganze, die Konjuntkur eines Staates, lassen sich Erkenntnisse aus der Theorie der Animal Spirits ableiten. Auch als Privatanleger profitieren wir vom Bewusstsein, dass unsere tierischen Urinstinkte uns möglicherweise zu Handlungen leiten, deren Konsequenzen weder profitabel noch langfristig klug sind.

Entdecken Sie Ihr inneres Tier und lernen Sie es zu zähmen- ihr Portfolio wird es Ihnen danken.

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