Wie organisiere ich meine private Vermögensverwaltung?

Dr. Nicholas Ziegert

14. August 2018

 

Organisation, digitale Tools und Netzwerke

 

Einleitung

Die meisten Millionäre haben entgegen landläufiger Meinung keine Vermögensverwalter oder Family Offices, welche ihre Vermögenswerte betreuen. Sie kümmern sich selbst. Die Herausforderungen, den Überblick über alle Vermögenswerte zu halten, sinnvolle Analysen durchzuführen, eine Anlagestrategie zu entwickeln oder an interessante Investitionsmöglichkeiten zu gelangen, trifft aber natürlich alle Vermögenden, auch „arme Millionäre“ mit einem vielleicht „nur“ siebenstelligem Vermögen.

 

Manchmal wird dieser Personenkreis gut und umfassend bezüglich der gesamten Vermögenssituation und den individuellen Zielen beraten. Die Finanzindustrie besteht aber auch aus Verkäufern von Produkten einzelner Asset-Klassen, seien es unternehmerische Beteiligungen, Aktienfonds oder Immobilienanlagen, deren Interesse nicht die Gesamtberatung, sondern der Verkauf des vorhandenen Produktes ist.

 

Zwar sind nach MiFiD II verpflichtete Institute (Banken, Wertpapierhandelshäuser etc.) immer gehalten vor einer Empfehlung eine Gesamtschau des Kunden vorzunehmen. Aber oft hat entweder der Berater kein Interesse an der Gesamtvermögensanalyse oder der Kunde möchte einem Berater nicht sein gesamtes Vermögen offenlegen.

 

Und so sind viele Vermögende in der Realität mit dem Wissen um ihren gesamten Vermögensbestand und dessen Analyse auf sich allein gestellt.

 

Die nachhaltige und profitable Organisation der eigenen Vermögenswerte ist jedoch keine Geheimwissenschaft mehr. Übersicht und Streuung der Anlagen, Mischung einzelner Risikoklassen, ausreichend Liquidität, Kostenbewusstsein und eine ruhige Hand sind meist schon alles, was man benötigt. Die Offenheit und Zeit, sich mit diesen Themen beschäftigen zu wollen, müssen die (positiv) Betroffenen gleichwohl mitbringen.

 

  1. Vermögensüberblick

Für jede Anlageentscheidung ist eine Bestandsaufnahme notwendig. Wie ist mein Vermögen in den Bereichen Immobilien, Unternehmensbeteiligungen, Gold, Wertpapiere, Cash etc. aufgeteilt („Asset-Allokation“)? Die meisten Millionäre haben dies irgendwie im Kopf; wenige schreiben es sich aber genau auf. Einer professionellen Übersicht, ähnlich der Buchhaltung eines Unternehmens, kommen die meisten jedoch nicht nah.

Ist die Ausgangsallokation nicht bekannt, kann dies zu Fehlentscheidungen und dadurch zu Vermögensverlusten führen. Mindestens entgeht einem das optimale Verhältnis aus Ertrag und Risiko.

 

Deshalb empfehlen wir eine Zusammenstellung der wesentlichen Vermögenswerte, wozu eben auch Kunst, Oldtimer oder Boote gehören können. Im Grunde ist eine einfache Excel-Tabelle genügend. Jedoch gibt es heutzutage eine Reihe unterstützender Apps und Programme, die die Erarbeitung der Übersichten vereinfachen und die neben der Information über Bankdaten sogar die Bewertung einzelner Assets (Immobilienbewertung, Marktwerte Aktien, Gold oder Bitcoin) möglich machen und diese automatisiert anpassen. Und die Informationen sind dann natürlich auch jederzeit und von überall zugänglich.

 

Dann fällt auch leichter auf, dass in dem Rentensparplan schon genügend Anleihen oder Aktien enthalten sind, oder dass eine Beschäftigung mit Immobilienanlagen wenig Sinn macht, wenn schon 70% des Vermögens aus Eigenheim, Ferienwohnung und Zinshäusern besteht.

 

  1. Analyse und Projektionen

Fällt vielen schon der genaue Überblick über ihr Vermögen nicht ganz leicht, so wird spätestens bei der Berechnung einer jährlichen Rendite bzw. Wertsteigerung des Gesamtvermögens aufgegeben. Bei Wertpapierdepots ermittelt dies vielleicht schon die Bank. Aber wer hat die Wertentwicklung der Immobilien, Versicherungsverträge, Autos oder geschlossener Anlagen schon parat? Dies ist auch professionellen Beratern nicht immer möglich, weil es für illiquide Vermögenswerte nicht immer verlässliche Marktpreise gibt. Hier täuschen sich auch nicht selten Immobilienbesitzer, die jedes Jahr die Immobilienpreise mit ihrem Kaufpreis vergleichen. In der Überschlagsrechnung fallen dann Nebenkosten und vor allem die verstrichenen Jahre, durch die die gesamte Wertsteigerung für eine jährliche Wertentwicklung geteilt werden muss, unter den Tisch. Dann sieht ein Wertzuwachs von +40% nach 10 Jahren plötzlich nicht mehr so beeindruckend aus.

 

Wem die Thematik fremd ist, empfehlen wir die Unterstützung von Dienstleistern wie Financial Plannern, Honorarberatern, spezialisierten Beratern in Banken oder Family Offices einzuholen – oder, einfach zu googlen.

 

Mit ein bisschen Mühe und den oben genannten Tools kann man sich an diese Zahlen auch im Selbststudium annähern, um mit dem nächsten Schritt zu beginnen.

 

  1. Vermögensallokation und Anlagestrategie

Das Vermögen dient dem Leben und nicht umgekehrt. Die Ziele und die Risikoneigungen sind individuell unterschiedlich. Alle eint, dass sie mit geringstem Risiko, höchste Renditen erzielen und dann noch immer flüssig sein wollen. Der Teufel liegt dabei wie immer im Detail. Es lohnt sich deshalb darüber nachzudenken, wie viel Cash in den nächsten Jahren benötigt wird und wieviel Geld auf der anderen Seite für längerfristige bzw. risikoreichere Anlagen zur Verfügung stehen soll. Daraus kann man dann eine Zielallokation und eine Anlagestrategie ableiten, die dem gewünschten Ergebnis dienen kann. Oft haben hier wenige Maßnahmen schon große Wirkungen, wie etwa die Umschichtung von teuren Fonds in günstigere ETFs (Artikel Süddeutsche Zeitung) oder der Verkauf von vermieteten Wohnungen (zu derzeit möglicherweise guten Verkaufspreisen – Seite 52 ff. in der Analyse der Bundesbank) zugunsten einer besseren Cashreserve.

 

Untersuchungen zu diesem Thema zeigen, dass die Allokation der Vermögenswerte für den langfristigen Vermögenserfolg wichtiger ist als die Auswahl einzelner Anlagen. So ist etwa der Unterschied zwischen einer Apple- und einer Siemensaktie nicht so relevant, wie derjenige in der Aufteilung des Vermögens auf Immobilien, Private Equity, Cash oder Wertpapiere.

 

Darüber aber, wie eine optimale Allokation aussieht, scheiden sich die Geister, und die Antwort ist natürlich individuell unterschiedlich. An dieser Stelle können wir nur zwei Aussagen treffen.

 

Erstens: Die früher oft genannte Standardaufteilung in 60% Anleihen und 40% Aktien gilt wenn überhaupt nur für den liquiden Bereich des Vermögens und war schon vor Jahren veraltet.

 

Zweitens: Die Wirklichkeit der Asset Allokation ist deutlich komplexer und von Zufällen und unterschiedlichen Lebenssituationen geprägt. Ererbte Immobilien sind keine konkrete Allokationsentscheidung, sondern dem Lebensverlauf geschuldete Glücksfälle.

Ohne Anspruch auf wissenschaftliche Arbeitsweise kann vielleicht der statistische Durchschnitt der Nutzer der Vermögens App OWNLY, die überwiegend von vermögenden Privatpersonen genutzt wird, einen ersten Eindruck der Realitäten gewähren. Uns wundert nicht, dass die Assetklasse „Immobilien“ mehr als die Hälfte (57,6%) der Vermögenswerte ausmachen. Dass Autos (4,8%) aber als Gesamtwert den Bestand an Wertpapieren (4,6%) übersteigen, lässt uns aber schon nachdenken. Positiv hervorzuheben ist, dass die Diversifikation der OWNLY Nutzer insgesamt alle wesentlichen Assetklassen (Immobilien, Rohstoffe (Gold etc.), unternehmerische Beteiligungen (PE, VC etc.), Cash, Luxusgegenstände und Wertpapierdepots) umfasst (Quelle: W&Z FinTech GmbH, Statistik OWNLY Nutzer 8/2018).

 

  1. Umsetzung und Transaktionen

Gibt es zwischen aktueller Asset Allokation und der Ziel-Allokation größere Unterschiede, leitet sich hieraus der Handlungsbedarf ab. Besteht das Vermögen zu 80% aus dem geerbten Eigenheim, ist eine Umschichtung natürlich nicht so trivial, wie bei 80% Cashbestand. Aber auch für den ersten Fall gibt es Lösungen. Meist besteht aber von vornherein genügend Beweglichkeit in den einzelnen Assetklassen, so dass eine Optimierung über die Zeit vorgenommen werden kann. Und sei es, zukünftige Geldzuflüsse, etwa aus Boni oder Erbschaften, gezielter anlegen zu können.

 

Der Kauf- und Verkauf von Wertpapieren ist bei Banken, Direktbanken oder neuen digitalen Plattformen möglich. Hier heißt es vor allem: Transaktionskosten beachten. Diese sind heute über Vergleichsplattformen transparent geworden. Dies sollte man nutzen.

 

Für den Teil liquider Anlagen sind neben den schon erwähnten ETFs heute auch die sog. Robo Advisors (Überblick und Testergebnisse) interessant, weil sie mit der Dienstleistung der Vermögensverwaltung fast ein Rundum-Sorglos-Paket für den Bereich der Wertpapieranlage bieten und man sich eigentlich nur um die Ermittlung der persönlich geeigneten Anlagestrategie Gedanken machen muss.

 

Bei illiquiden Werten wie Immobilien oder geschlossenen Fonds ist die Sache schon schwieriger. Hier empfiehlt es sich sehr, auf die richtigen Begleiter zu achten, die den relevanten Markt genau kennen und hier eine nachgewiesene Reputation und Verlässlichkeit besitzen. Der Markt für Private Equity verläuft nach anderen Regeln als die Immobilienbranche. Trauen Sie also keinem Berater, der behauptet, alles zu können.

 

  1. Laufende Überwachung und relevante Markt- und Produktinformationen

Sind die ersten Maßnahmen eingeleitet, heißt es „dran“ zu bleiben. D.h., sie filtern relevante Marktinformationen („Kommt der Immobiliencrash?“, „Platzt die Technologieblase?“ etc.) und überprüfen, ob ihre Strategie noch richtig ist, und, ob sich die Vermögensanlagen entsprechend den Erwartungen entwickeln. Manchmal verändert sich auch die Lebenssituation, z.B. weil für die Weltreise oder ein neues teures Hobby plötzlich viel Cash benötigt wird.

 

Bei der Wertpapieranlage haben sich sog. Stopp-Loss- Signale bewährt, die informieren, wenn sich z.B. Aktien über eine Schwelle hinaus verbilligen. Das gleiche Prinzip kann man für jede Wertanlage anwenden, bei der Marktpreisinformationen vorhanden sind. Das Gute daran: sie müssen keinen Automatismus für Kauf oder Verkauf auslösen. Die Algorithmen geben einfach Bescheid, wenn eine Assetklasse ihre Aufmerksamkeit benötigt.

Die oben genannten Tools/Programme können auch hierfür hilfreich sein. Wichtig ist, dass Sie für sich Auslöser definieren, wann Sie informiert bzw. gewarnt werden müssen.

 

  1. Steuern

Die Deutschen gönnen dem Fiskus aber auch gar nichts. Sonst würden Steuersparmodelle und -ratgeber („Konz-1.000 legale Steuertricks“ etc.) nicht so große Erfolge feiern. Natürlich sollte man sich der grundlegenden steuerrelevanten Faktoren bewusst sein (Freibeträge bei Schenkung und Erbschaft, Steuersätze, Fristen etc.). Aber durch das Steuersparen allein ist noch niemand zu Reichtum gekommen. Hier genügt es meist, mit der eigenen Vermögensplanung einmal im Jahr den Steuerberater des Vertrauens aufzusuchen, um größere Fehler zu vermeiden. Rennen sie aber nicht jeder Steuersparmöglichkeit hinterher (Artikel FAZ). Von Änderungen der Steuergesetze sollten Sie Ihr Vermögenswohl nicht abhängig machen.

 

  1. Sonderthemen: Vermögensübertragung, Erbschaft, Liquidation

Ist es einmal Zeit, sich um besondere Themen, wie z.B. der Vermögensübertragung, zu widmen, empfehlen auch wir als digital orientiertes Unternehmen, gute Berater aufzusuchen. Zwar können Algorithmen heute schon viel berechnen, prognostizieren und umsetzen. Die Feinheiten, Emotionen und vielfachen sachlichen Verknüpfungen können heutige Robos jedoch noch nicht bedienen (siehe Artikel Robo Advice 4.0).

 

  1. Fazit

Für Ihre private Vermögensverwaltung können Sie auf eine breite Infrastruktur an digitalen Helferlein und Beratern zurückgreifen mit denen Sie die wesentlichen Fragestellungen und Analysen beantworten können. Vermögensübersicht, Analyse, Strategie, Transaktionen und laufende Kontrolle sind für jeden auch ohne Family Office machbar.

 

Nutzen Sie die Chancen neuer Technologien und ergänzen Sie diese gezielt durch den menschlichen Berater. Damit sollte dem Gedeihen ihres Vermögens nichts mehr im Wege stehen.

 

Haben Sie Fragen zum Artikel?

 

Schreiben Sie uns unter: contact@ownly.de.

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