Die Kunst des klugen Abschaltens

Marla Korth

10. Juni 2018

Es gibt mittlerweile kaum einen Bereich unseres täglichen Lebens, vor dem die Technik und neuste technologische Innovationen Halt gemacht haben: Der gut vernetzte „Millenial“ kann seine Jalousien per Smartphone steuern, vom Sofa aus das neue Familienmitgleid „Alexa“ mit der Snack-Bestellung für den Fernsehabend beauftragen und über sein mit Bluetooth verbundenes Kopfkissen gleichzeitig schlummern und Telefonate abwickeln.

Tatsächlich bietet die Digitaliserung viele Chancen, eine davon die zum Kopfschütteln. Wir überwachen dank Smartphone unser Haus, unseren Kühlschrank, unsere Haustiere (es existieren tatsächlich Tierpensionen mit 24-Stunden Livestream) und nicht zuletzt uns selbst.

Der Trend zum Self-Tracking hat in den letzten Jahren stark zugenommen und Schritt- und Kalorienzähler sind zum Alltagsbegleiter geworden. Viele Smartphones beinhalten eine Anwendung, welche die Schritte und das tägliche Bewegungsprofil des Nutzers aufzeichnet. Darüber hinaus haben Apps zur Überwachung der eigenen Ernährung und des Kalorienverbrauchs in den letzten Jahren einen enormen Aufschwung erlebt. Diese Ernährungstagebücher sollen den Nutzer beim Ab- und Zunehmen und einem gesunden Lebensstil unterstützen und ihm Informationen über mögliche Mangel- und Fehlernährungen liefern.

Dank digitaler Fitnessarmbänder kann der Nutzer zudem seinen Puls und die Herzfrequenz prüfen und erhält Analysen bezüglich seiner sportlichen Leistungen. Doch wo verläuft die Grenze zwischen gesundem Lebensstil und obsessiver Selbstüberwachung?

Bei Gesundheitsdaten handelt es sich um höchstgradig sensible Informationen, welche insbesondere für Krankenkassen von großem Interesse sind. So äußerten gesetzliche Krankenkassen bereits Interesse an einer verstärkten Nutzung dieser Daten und wollen durch finanzielle Zuschüsse den Erwerb sogenannter „Wearables“, wie Smartwatches und Fitnesstracker, fördern.

Sie legen umfassende Argumentationen dar, welche den positiven Effekt dieser Technologien auf das Gesundheitsverhalten des Nutzers untermauern. So dienten die Geräte dem Aufdecken ungesunder Lebensgewohnheiten, böten Motivationen und könnten zudem durch die Registrierung ungewöhnlicher Verläufe des Pulses und der Herzfrequenz warnen und zum Aufsuchen eines Arztes raten. All dies erfolge selbstverständlich im Interesse des Nutzers und diene seinem alleinigen Vorteil.

Doch die Kehrseite der Medaille sieht anders aus: Anstelle der benannten Motivationseffekte könnte das Nichterreichen von Fitness- uind Ernährungszielen zur Frustration führen, der Vergleich mit anderen zu sozialem Druck und das permanente Sammeln von Daten zur obzessiven Kontrolle. Digitale Tools bieten die Gefahr des Verlustes des eigenen Körpergefühls und können zu Fehleinschätzungen führen.

Und wie sieht es mit der Datensicherheit aus? Laut der im Mai in Kraft getretenen neuen Datenschutzgrundverordnung (DS-GVO), lassen sich Informationen bezüglich der Gesundheit eines Betroffenen der Kategorie der besonderen Daten zuordnen, die eines verstärkten Schutzes bedürfen. Eine Verarbeitung dieser ist nicht zulässig, es sei denn der Nutzer hat diesem ausdrücklich zugestimmt. Und genau hier setzen Unternehmen an. Ganz nach der Devise „mit Speck fängt man Mäuse“ bieten sie den Kunden einen Deal: Geld gegen Gesundheit. Wurde der Nutzung der Informationen einmal zugestimmt, so folgt oftmals der Kontrollverlust über die anschließenden Verarbeitungsprozesse. Die kurzfristigen finanziellen Vorteile müssen daher detailliert gegen die langfristigen Gefahren abgewogen werden.

Doch trotz dieser Risiken ist eine verstärkte Digitalisierung des Gesundheitswesens vorgesehen. Das im Dezember 2015 verabschiedete „E-Health Gesetz“ regelt die Einführung und Nutzung digitaler Anwendungen in der Gesundheitsbranche. Ärzte profitieren von einer Aufwandverringerung durch elektronische Artzbriefe und Patienten von online verfügbaren Mediaktionsplänen. Herzstück des Gesetzes ist jedoch eine intensivierte Hinterlegung von gesundheitsrelevanten Informationen auf der Krankenkassenkarte, welche damit zum Angriffobjekt für Hacker werden könnte. Fortschritt und Technologie stehen damit der Gefahr eines gläsernen Menschen gegenüber.

Der Erfolg der Digitalisierung gründet jedoch auf der Vielzahl positiver Aspekte, die sie bietet. Im Finanz- und Vermögensbereich profitieren Kunden dank des Tracking-Trends von zunehmender Komplexität. Verschiedene Anbieter ermöglichen unter anderem die Aggregation unterschiedlicher Vermögenswerte (Cash, Depot, illiquiden Assets, Immobilien), Nutzer erhalten eine umfangreiche Übersicht über aktuelle Transaktionen und können dank Echtzeitdaten den Werteverlauf ihrer Aktien nachverfolgen. Der zentrale Unterschied zum Self-Tracking im Gesundheitsbereich: Ein allseitiger Überblick rund ums Geld führt nicht zu obsessivem Kontrollwahn. Stattdessen hilft er dem Nutzer, sich entspannt zurückzulehnen, statt gestresst in Kontoauszügen zu blättern. Abschalten, für den Kunden und vielleicht sogar für das Smartphone.

Die Digitalisierungswelle überflutet allmählich nahezu alle Bereiche unseres alltäglichen Lebens. Kunden können auf dieser Welle mitschwimmen, sollten gefährliche Strömungen allerdings nicht unterschätzen. Und für alle Wasserscheuen gibt es nun einen neuen Trend: Digital Detox. Unter dem Titel „Urlaub unplugged“ werben Ferienunterkünfte nun nicht mehr mit WLAN, sondern mit internetfreier Zone und einer Auszeit vom digitalen Alltag. Cocktails schlürfen unter Palmen, ganz ohne Facebook, Fitbit und Firefox.

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