Information, nicht Geld, ist die Essenz der Finanzindustrie – wo die disruptive Kraft von FinTechs wirkt

Dr. Nicholas Ziegert

12. Juni 2017

n Paneldiskussionen über die Digitalisierung der Finanzindustrie wird immer wieder gefragt, was denn das disruptive Element von FinTechs sei. Oft hört man, dass wir bisher nur alten Wein in neuen Schläuchen gesehen haben. D.h., dass Informationen von Papier in einen digitalen Prozess gebracht werden, ob bei Überweisungen oder bei der Kreditvergabe. Dies ist aber nicht das Element, welches die etablierte Finanzindustrie fürchten muss.

 

Schauen wir uns die Finanzindustrie und die Banken genau an. Banken gehören neben Brauereien, Handelshäusern und (bis 2006) einem japanischen Tempelbauer zu den langlebigsten Unternehmen der Welt. Einer der Gründe ist, dass Banken eben nicht an einem Geschäftsmodell gehangen haben, sondern sich unter dem Oberbegriff „Bank“ ständig dem wirtschaftlichen Wandel angepasst haben. So sind unter dem Begriff „Bank“ u.a. Geschäftsfelder wie Geldwechsel, Kreditvergabe, Staatsfinanzierung, Handelsfinanzierungen, Investment Banking, Private Banking und Asset Management vereint, die alle für sich eigene Geschäftsmodelle darstellen.

 

Die erfolgreichen Häuser haben es immer verstanden, aus Informationen gute Geschäfte zu machen. Insofern war und ist das Kerngeschäft, besonders gut mit Informationen umzugehen.

So hat die Familie Fugger im 15. und 16. Jahrhundert ein Netzwerk zu Fürsten, Königen und Päpsten aufgebaut, welches einen privilegierten Zugang zu Insiderinformationen bedeutete. Dies verschaffte Jakob Fugger u.a. auch den Zugriff auf Silberschürfrechte, die eine wichtige Basis des Familienvermögens wurden.

 

Von Nathan Rothschild wird die Geschichte erzählt, dass er vom Ausgang der Schlacht bei Waterloo von seinen Informanten gehört habe – Stunden bevor die Nachricht offiziell in London ankam. Entsprechend vorteilhaft konnte er sich an der Londoner Börse positionieren.

Heutzutage wird der Kampf um den Informationsvorsprung genauso hart ausgetragen. Mit dem sog. High Frequency Trading an US Börsen wurde versucht, Kauf- und Verkauforders über Glasfaserleitungen in Millisekunden durch neue Orders zu „überholen“. Die Information, dass eine Order an eine Börse geleitet wurde, wurde automatisiert registriert, um sich blitzeschnell besser mit einer eigenen Order positionieren zu können. Der High Frequency Handel wurde jedoch mittlerweile von der amerikanischen Börsenaufsicht eingeschränkt.

 

Aber nicht nur die Verfügbarkeit und das Tempo der Informationen ist entscheidend, sondern ebenfalls die Fähigkeiten zur Analyse. Eines der mächtigsten Informationsverarbeitungstools besitzt der Asset Management Riese BlackRock mit „Aladdin“. Über Aladdin laufen alle Daten zu Wertpapieren, Währungen, Unternehmen, Konjunktur etc. zusammen; Aladdin erstellt darauf aufbauend fortlaufend Einschätzungen zu den Kapitalmärkten auf der ganzen Welt. Insbesondere Institutionelle Investoren nutzen diesen Informationsvorsprung, um rechtzeitig kaufen oder verkaufen zu können.

 

Den hohen Aufwand, wichtige Marktinformationen zu aggregieren und auswerten zu können, konnten in der Vergangenheit nur wenige Unternehmen stemmen. Gleichzeit waren gerade diese Fähigkeiten der wesentliche Wert der Finanzindustrie.

 

Und gerade hier setzen die jungen FinTechs an. Junge Kreditplattformen wie Auxmoney benötigen kein eigenes Kapital um Kredite zu vergeben; sie bringen einfach zwei Parteien zusammen und stellen die notwendigen Informationen zur Verfügung. Das Geschäftsmodell von Kreditech beruht auf einem ausgefeilten Scoring, welches über tausende Datenpunkte in wenigen Sekunden eine Krediteinschätzung abliefert. Multibanking Apps bringen Daten in eine Übersicht, die früher aufwändig erstellt werden musste und liefern professionelle Auswertungen mit Kennzahlen zur Portfoliostruktur gleich mit. Selbst die Geschäftsmodelle von Bloomberg, Reuters und Co. stehen unter Druck. Junge Unternehmen wie Quandl aus Kanada nehmen gerade diese Datenaggregation auf, um sie schneller, billiger und mit einer besseren Benutzeroberfläche verfügbar zu machen. Die immer wichtiger werdende Schnittstellentechnologie oder – hilfsweise das Screenscraping (Anm: Auslesen von Daten, die im Internet bzw. online verfügbar sind) – machen es möglich.

 

Ob und welche FinTechs hier zu den großen Gewinnern zählen werden ist sicher noch offen. Dass es zu einer Umverteilung von „Herrschaftswissen“ von der etablierten Finanzindustrie zu jungen Unternehmen und Privatleuten kommt, steht jedoch jetzt schon fest.

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