Eine Welt von Männern für Männer? – Warum unsere datengetriebene Zukunft uns Frauen vergessen könnte

Marla Korth

9. September 2021

In der Theorie herrscht Gleichverteilung, eine klare Fifty-Fifty-Regel. Die eine Hälfte unserer Gesellschaft sind Frauen, die andere Männer. Dazwischen existieren Identitäten, die sich über sämtliche Farben des Regenbogens erstrecken. In einem vereinfachten Modell jedoch könnte man annehmen, man lebe in einer ausgeglichenen, wenn auch nicht nur zweifarbigen, gleichverteilten Gesellschaft. 50% weiblich, 50% männlich – nicht nur aber zumindest annähernd.

Ein Modell, welches trotz augenscheinlichem Realitätsbezug im abgeschlossenen Labor entwickelt zu sein worden scheint. Ein theoretisches, realitätsfernes Konstrukt. Denn die Welt, in der wir leben, scheint mit ihren Möglichkeiten und Technologien nicht für uns Frauen gemacht. Viel mehr noch: Wir wurden und werden kontinuierlich und systematisch über Branchen und Kontinente hinweg ignoriert. Nicht böswillig zwar, mit möglicherweise aber bösartigen Konsequenzen.

 

50% und trotzdem verschwindend gering

Es ist ein weiterer Gap für die Liste, eine weitere Diskrepanz zwischen Frauen und Männern. Und mit jeder geschlechterspezifischen Lücke, jeder Ungleichheit im Rentensystem, Arbeitsmarkt und gesellschaftlichen Leben, wächst eine Lücke ganz besonders: Der Gender Data Gap.

Eine Datenlücke, welche auf systematische Unterrepräsentanz des weiblichen Geschlechts in Erhebungen zurückzuführen ist und besonders in einer Zukunft, die von Big Data getrieben ist, von verheerendem Ausmaß sein könnte.

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Beim Design des Geräts wurden vermutlich tausende von Datensätzen analysiert, um die perfekte Zoll-Zahl für das perfekte Nutzungserlebnis zu ermitteln. 50% weiblich, 50% männlich. Oder? Wären die Geräte, sollte dies der Fall sein, dann nicht etwas kleiner?

Wählen wir einen anderen Anwendungsfall: In den Industriestaaten zählen Herz- und Gefäßkrankheiten dank eines Überangebots an Nahrung, mangelnden Bewegungszwangs und eher sitzenden Lebensstils zu den häufigsten Todesursachen. Männer sind deutlich häufiger betroffen. Doch während diese bei stechenden Schmerzen in der Brust schnell den Notruf betätigen, wird dasselbe Krankheitsbild bei Frauen oft erst später erkannt. Die Symptome unterscheiden sich und umfassen bei weiblichen Betroffenen häufig auch Magenprobleme und andere Beschwerden.

Doch in der Allgemeinbildung verankert ist der Griff an die Brust als Alarmsignal. Die Folge: Von der schwersten Form des Herzinfarkts – dem STEMI – sind mit 70% besonders Männer betroffen. Doch während knappe 10% von ihnen der Krankheit erliegen, waren es in der weiblichen Patientengruppe 15%. Die Ursachen sind vielfältig und nicht nur auf die spätere Erkennung zurückzuführen. Nichtsdestotrotz sind in der Vergangenheit größtenteils männliche Daten zu diesem Krankheitsbild erhoben und veröffentlicht worden und genau diese Informationen im Bewusstsein der Gesellschaft verankert.

Es existiert eine überwältigende Anzahl ähnlicher Beispiele: die zentral regulierte Temperatur in Großraumbüros und Einkaufszentren berücksichtigt insbesondere das männliche Wärmeempfinden. Die Waschräume für Männer und Frauen verfügen meist über eine identische Zahl an Quadratmetern, die Anzahl der Toiletten ist aber aufgrund der kleineren Größe der Pissoirs bei den Männern höher. Gehälter sind – bestenfalls – angeglichen, berücksichtigen aber nur selten die Rolle der Frau in der Familiengründung.

Genderneutral ist nicht gleich gendergerecht. One sizes fits all mag zwar manchmal funktionieren, verschließt jedoch die Augen vor dem Offensichtlichen: Männer und Frauen sind nicht gleich. Sie können nicht gleich sein und wollen es oftmals auch nicht. Sie unterscheiden sich in Biologie und sollten es trotz allem nicht in ihren Möglichkeiten.

 

Digitale Diskriminierung?

Sämtliche Entscheidungen und Annahmen, die wir treffen, basieren auf Wissen, welches wir wiederum aus Daten ziehen. Wenn diese Daten nun historisch bedingt vor allem von und gesellschaftlich bedingt größtenteils über Männer gesammelt werden, entsteht jedoch ein Dilemma. Wir wissen mehr über Männer, also entscheiden wir auch wie und – und dies wird insbesondere zukünftig relevant – für Männer.

Durch Aufklärung und Bildung können wir Menschen für die Diskrepanzen zwischen den Geschlechtern sensibilisieren. Was passiert jedoch, wenn zukünftig Prozesse und Entscheidungen automatisiert werden? Wir können zwar heute damit beginnen, verstärkt Daten über Frauen zu sammeln, jedoch werden wir das Jahrtausende tiefe Datenloch dadurch nicht schließen können.

Ethisch betrachtet steht jedoch eine weitere Frage im Raum: Es sind nicht nur Frauen, die in bei Erhebung von Daten hinten runterfallen. Es existieren ethische und geografische Minderheiten, die bis dato vernachlässigt wurden. Wie wollen und sollen wir für sie entscheiden?

Manche Bereiche unseres täglichen Lebens sind vielleicht einfach noch nicht bereit für die vollständige Automatisierung. Und bis es soweit ist, müssen Entscheidungsträger verstärkt für die Problematik sensibilisiert werden: Wo fängt Gleichberechtigung an und wo hört sie auf? Aufhören wird sie nie. Und wenn sie noch nicht angefangen hat, dann ist heute genau der richtige Zeitpunkt dafür.

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